1000 Plätze waren bei Xing für den Web-Montag am 11. April in Nürnberg freigegeben. Das ist ein Vielfaches von dem, was man bei einem gewöhnlichen Event dieser Art einplant. Damit ist es der größte Web-Montag weltweit, sagt Ingo Di Bella, Geschäftsführer von User Centered Strategy (UCS). UCS ist einer der Initiatoren der Nürnberg Web Week. Obwohl Nürnberg nicht gerade im Fokus der Digitalwirtschaft steht, eine lebendige Startup-Szene hat die fränkische Metropole dennoch.

Immowelt als Vorbild

Die Web Week ist ein offenes Netzwerk der Digital- und Kreativwirtschaft in der Metropolregion Nürnberg. Eine offizielle Zählung, wie groß diese Szene in Nürnberg und Umgebung ist, gibt es nicht. Die Website Nürnberg-digital.org listet aktuell 128 Startups und Web-Unternehmen auf, doch darunter finden sich eben auch viele Unternehmen, die längst keine Startups mehr sind, wie zum Beispiel Immowelt und Hotel.de. Beide Unternehmen sind aber immer noch wichtige Eckpfeiler im Startup-Ökosystem der Stadt, nicht zuletzt weil die Gründer und Manager als Mentoren, Business Angels und Investoren fungieren.

Markus Teschner, Leiter des Produktmanagements bei Immowelt, hat schon viele Projekte in der Stadt angestoßen, darunter das Openup Camp, den Creative Monday, Pecha Kucha. „Es gibt größere Firmen wie Immowelt, die die Szene unterstützen“, sagt er, „aber niemanden wie Rocket Internet in Berlin oder Prosiebensat1 in München, der die Sache richtig pusht.“

Nürnberg hat einen harten Strukturwandel hinter sich, der Niedergang von Grundig, Quelle, Triumph-Adler und AEG hat Spuren hinterlassen und viele Arbeitsplätze gekostet. Siemens oder die Datev sind heute wichtige Player in der Region. Das Medical Valley bei Erlangen entstand rund um den dortigen Sitz der Siemens Medizintechnik. Einen Accelerator oder Inkubator im engeren Sinn sucht man in Nürnberg aber vergeblich. Wenn es so etwas wie ein Herz der Szene gebe, meint Teschner, dann schlage das wohl am ehesten bei Coworking Nürnberg. Eine wichtige Rolle als Quelle für neue Ideen und qualifizierte Mitarbeiter spielen auch die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie die Max-Planck-, Fraunhofer- und Helmholtz-Institute.

Die Konkurrenz ist in Nürnberg nicht so groß

Wenn man nach wichtigen Startups vor Ort fragt, fällt oft der Name Streetspotr. Das Startup schickt Kunden in die Läden, die vor Ort Informationen sammeln und Meinungen per Smartphone abgeben. Diese Daten sammelt Streetspotr und stellt sie den Marketingabteilungen großer Handelsfirmen oder Konsumgüterhersteller zur Verfügung, die dann ausrechnen können, ob sich ihr teurer Osteraufsteller gelohnt hat oder nicht. „Die Hersteller kommen sonst nicht an diese Informationen in Echtzeit heran“, sagt Gründerin Dorothea Utzt. Sie betrachtet Nürnberg als eine Art Marktforschungs-Hub in Deutschland, schließlich sitzt auch die GfK hier. „Das ist ein Grund, warum wir noch hier sind und nicht woanders“, sagt sie. Sie war 2014 im German Accelerator im Silicon Valley, das sei schon ein ziemlicher Kulturschock gewesen.

Daniel Kloß, Gründer der Mode-App Dress and Friends wurde auf einer Startup-Messe in San Francisco auch einmal gefragt, ob er seine Firma nicht lieber in den USA gründen will. Doch er wollte von zu Hause aus starten. „Der Vorteil ist: die Konkurrenz ist nicht so groß, und man fällt schneller auf“, sagt er. Dass das Ökosystem so überschaubar ist, sei Segen und Fluch zugleich, denn dank der guten Unis und eines starken Netzwerks „bekommen wir die Leute, die wir brauchen. Wir sind ein buntes Team und sehr international gestartet“. Schmerzlich vermisst habe er am Standort bisher noch nichts. „Die bayrischen Fördersysteme laufen top“, sagt er.

„Aber man erfährt hier wenig bis gar nichts über die neuen Unternehmen. Die Startups machen zu wenig Marketing.“

Unter dem Dach von Baystartup hat der Freistaat Bayern seine Startup-Förderung zusammengefasst. Baystartup unterstützt Gründer in der Startphase und der Zeit danach beim Businessplan, bei der Finanzierung, bei den ersten Schritten der Internationalisierung, vermittelt Mentoren, bietet Workshops und Coachings an. „Wir betreuen in Nordbayern um die 200 Startups pro Jahr“, sagt Geschäftsführer Carsten Rudolph. Die Finanzierung wiederum kommt von Bayern Kapital, der VC-Tochter der LfA Förderbank Bayern. Baystartup kann vor allem eines: die Startups mit den institutionellen Investoren zusammenbringen. Dreimal im Jahr veranstaltet Baystartup eine Investorenkonferenz, im Herbst auch wieder in Nürnberg.

In der Stadt selbst fehlen große Investoren. Business Angels, private und mittelständische Investoren gibt es dagegen schon. Ein aktiver Akteur ist Müller Medien, einst als Telefonbuch-Verlag gestartet, hat das Unternehmen inzwischen in mehr als 40 Startups investiert, teils strategisch, teils Exit-orientiert, wie Geschäftsführer Michael Oschmann sagt. Ein anderer ist Heinz Raufer, Mitgründer von Atrada, Hotel.de und zuletzt Checkmybus. Seit Januar ist er Business Angel. „Nach drei Gründungen kommt der Zeitpunkt, aus dem operativen Geschäft auszusteigen“, sagt er. Nürnberg befinde sich nicht nur im Fußball in einem klaren Aufwärtstrend, hat Raufer beobachtet. „Aber man erfährt hier wenig bis gar nichts über die neuen Unternehmen“, beklagt er. „Die Startups machen zu wenig Marketing.“

Zu wenige Unternehmen mit überregionaler Ausstrahlung

Zwölf Investments hat er bisher gemacht, nur drei davon außerhalb Nürnbergs. „Es ist doch egal, wo eine Unternehmung sitzt“, findet Raufer, „wenn die Produkt-USPs und KPIs stimmen sowie die Markt- und Wettbewerbsdaten.“ Die Substanz an Ideen, kleineren und mittleren Unternehmen sei in Nürnberg vorhanden, die Ausstattung mit Humankapital und Infrastruktur überdurchschnittlich gut. „Aber es entstehen zu wenige Unternehmen mit überregionaler Ausstrahlung.“

Immerhin tue sich in Nürnberg inzwischen einiges, sagt er. Die Web Week sei ein gutes Beispiel. „Allerdings fehlt noch ein bisschen die Dynamik, da könnte man noch eine Schippe drauflegen. Das gilt aber für ganz Deutschland.“ So ähnlich sieht das auch Michael Oschmann. „Unser Anliegen muss es sein, unsere fränkische Zurückhaltung in Bezug auf Öffentlichkeit auch aufzugeben und Talente und Erfolge zu kommunizieren, wenn dies der Sache dient.“

Zuerst erschienen in Berlin Valley 04/2016

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