Raffaela, UX-Design lehrt Ihr bereits seit 2014. Inwiefern unterscheidet sich die neu gegründete The UX School von Eurem bisherigen Angebot?

Raffaela Rein: Unsere Bildungsmarke Careerfoundry ist eine Trainingsplattform, über die wir verschiedene Kurse anbieten. The UX School geht über das Erlernen von UX-Design hinaus, wir bauen mit ihr eine Community des Human First Designs auf. Wir wollen die Idee dahinter voranbringen und bei den Entscheidern ein Bewusstsein dafür schaffen. Unser Ziel ist es, in Unternehmen eine neue Designpraxis zu propagieren.

Und wie sieht diese Designpraxis aus?

Raffaela Rein: Bei den meisten Firmenentscheidungen sind nach wie vor Meinung und Geschmack des oder der Manager ausschlaggebend. Das ist beim Human First Movement anders. Da wird der Kunde über die Stakeholder-Meinung gestellt. Der Fokus liegt absolut auf dem Kunden. Wenn Research und Fokusgruppen also ergeben, dass die Farbe Grün für die Webseite die von den Kunden favorisierte ist, dann wird die Webseite grün – ganz egal, ob der Stakeholder das Design nun mag oder nicht. Das Beispiel mag banal sein, aber künftig werden vor allem Unternehmen erfolgreich sein, die anstelle von Produkten Erlebnisse schaffen. Und zu diesem Erlebnis gehört eben auch die Farbentscheidung.

„Beim Human First Movement wird der Kunde über die Stakeholder-Meinung gestellt. Der Fokus liegt absolut auf dem Kunden“

Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass sich Unternehmen aus der gleichen Branche und einem ähnlichen Produktportfolio in der Darstellung zunehmend angleichen?

Raffaela Rein: Nein, jede Corporate-Identity ist anders und was bei einer Firma funktioniert, muss nicht zwingend bei einer anderen gut laufen.

An wen richtet sich Euer Angebot?

Raffaela Rein: Zur Zielgruppe gehören wirklich alle, die sich für User Experience interessieren. Sowohl Anfänger als auch Experten können Teil der UX School sein. Dort bieten wir neben der Community auch Research und Industry Reports an. Zum Beispiel haben wir vor Kurzem einen Report über Return of Investments des UX-Designs gelauncht, dafür haben wir 60 der führenden UX-Experten nach ihren Learnings weltweit befragt. Unsere Studenten bei Careerfoundry haben meistens noch kein UX-Know-how und werden dann innerhalb von zehn Monaten zum Junior UX-Designer geschult. Sie erlernen alle Kernkompetenzen, die sie als Junior UX-Designer brauchen: User Testing, Wireframing, Prototyping und mehr. Und sie bilden ein Portfolio, mit dem sie sich bewerben können. Unser Netz an Recruitern hilft anschließend bei der Jobvermittlung. Unser Angebot ist mit einer Jobgarantie verknüpft: Wer nach erfolgreichem Kursabschluss innerhalb von sechs Monaten keinen Job findet, erhält das Geld zurück.

Was sollte man mitbringen, wenn man UX-Designer werden will?

Raffaela Rein: Neugier, Empathie für Nutzer und gutes Kommunikationsvermögen. Man muss wirklich Interesse daran haben, was die Kunden wollen und die eigenen Interessen komplett zurückstellen können.

„Letztlich brauchst du für jedes Produkt gutes UX-Design, wenn du wiederkehrende Kunden haben und deine Conversion sowie die Nutzerzufriedenheit erhöhen willst“

Es heißt, dass Unternehmen im E-Commerce bis 2020 rund eine Billion US-Dollar einbüßen, weil die Check-out-Prozesse zu kompliziert gestaltet seien. Beschränkt sich der Nutzen von UX-Design nur auf E-Commerce?

Raffaela Rein: Nein, UX-Design ist heutzutage für sämtliche Branchen und Industrien interessant. Wir sehen zum Beispiel ein sehr starkes Wachstum im Bereich der Automobilindustrie, aber auch im Bereich Health Care oder Sportwesen. Letztlich brauchst du für jedes Consumer- aber auch Enterprise-Produkt gutes UX-Design, wenn du wiederkehrende Kunden haben und deine Conversion sowie die Nutzerzufriedenheit erhöhen willst.

Welche Rolle spielt UX-Design im stationären Handel?

Raffaela Rein: In Deutschland noch eine zu geringe. Für den kleinen Buchladen um die Ecke ist der Nutzen gegenüber dem Aufwand nicht unbedingt gegeben, aber größere Kaufhäuser könnten mit dem Einsatz von UX viel mehr herausholen. Viele haben zwar die Kundenkarte, lassen aber viele Informationen meines Erachtens noch ungenutzt. Dabei könnten gerade die größeren Ketten ihre Kunden über die Kundenkarte besser kennenlernen, ihnen passende Angebote machen und sie viel gezielter ansprechen.

Daten sind dann ja auch eine wichtige Grundlage für gutes UX. Inwieweit schränken die deutschen Datenschutzbestimmungen UX-Design ein?

Raffaela Rein: Eigentlich ist das kein Problem. Beim UX geht es ja darum, die Motivation der Kunden herauszufinden. Das tut man vor allem über Fokusgruppen, User- und A-B-Testings, oder Marktbefragungen. Der Nutzung dieser Daten stimmen die Befragten vorher zu. Ein paar Einschränkungen gibt es aber schon: Zum Beispiel darf man in Deutschland bestimmte Daten wie das Nutzerverhalten auf der Webseite nicht sammeln. Da ist man in den USA schon freier. Gutes UX-Design ist aber auch ohne diese Daten möglich.

„Sowohl Obama als auch Trump hatten ausgeklügelte Social-Media-Kampagnen, um an ihre Zielgruppen zu kommen. Ein Teil dieser strategischen Überlegungen kann auch auf UX-Design basieren“

Wir befinden uns in Deutschland im Jahr der Bundestagswahl. Für wie wichtig hältst Du UX-Design für Parteien?

Raffaela Rein: Das ist eine spannende Frage. Beim UX-Design geht es ja um die Nutzererfahrung und wie man das Nutzerengagement erhöhen kann. Um die Frage: Wie erreiche ich die Aufmerksamkeit und Loyalität meiner Zielgruppe? Das ist auch für politisches Engagement relevant. Wir haben es in den letzten zwei US-Wahlkämpfen gesehen, wie viel Engagement durch Social Media und durch Online-Kanäle erzeugt wurde. Sowohl Obama als auch Trump hatten wirklich ausgeklügelte Social-Media-Kampagnen, um an ihre Zielgruppen zu kommen. Ein Teil dieser strategischen Überlegungen kann auch auf UX-Design basieren. Denn: Je ansprechender und nutzerfreundlich ein Produkt ist, in diesem Fall die politische Botschaft oder ein Unterstützertool, desto höher ist die Zustimmung und Reichweite.

Was kostet euer Angebot?

Raffaela Rein: Der Community kann jeder kostenlos beitreten, der Certified UX Designer Kurs kostet 9900 Euro, einen Einsteigerkurs bieten wir für 549 Euro an.

Das Interview führte Marisa Strobel.

Raffaela Rein (Bild: Careerfoundry)

RAFFAELA REIN

ist CEO und Mitgründerin von Careerfoundry. 2014 in Berlin gestartet, beschäftigt das Unternehmen mittlerweile 50 Mitarbeiter. Raffaela studierte Business Finance an der University of Durham. Bevor sie mit Careerfoundry ihr erstes Startup gründete, arbeitete sie für Black Rock in London, bei Rocket Internet und Satorion Partners.

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