Herr zu Guttenberg, was Sie gemacht haben, ist im Startup-Jargon ein klassischer Pivot. Wie beschreiben Sie Ihr Umfeld, in dem Sie sich heute bewegen?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Das Technologieumfeld bietet eine der spannendsten und am meisten umwälzenden Communitys, die ein Business-Sektor global zu bieten hat. Sehr von Visionen getrieben, gleichzeitig aber mit einer Auswirkung auf unser tägliches Leben, auf ältere, jüngere, kommende Generationen. Es gibt Schnittmengen zur Politik, aber auch erhebliche Diskrepanzen. Es ist ein Umfeld, das sich nicht an einem Ort festmachen lässt. Es ist nahezu weltweit vernetzt, hoch innovativ, immer wieder vom Gedanken des Versuchens, Scheiterns, Gewinnens und wieder Neuversuchens getragen.

Warum haben Sie Deutschland den Rücken gekehrt und New York als neue Heimat gewählt?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Weil man hier zum einen das Spannungsfeld, aber auch das symbiotische Verhältnis zwischen Old und New Industry wahrscheinlich klarer erkennt als an irgendeinem anderen Standort. Die Westküste ist im Wesentlichen von New Economy und Tech-Companys geprägt, weniger von einem ständigen Ausgesetztsein zu den etablierten, traditionellen Wirtschaftsfaktoren. Natürlich ist es dort auch sehr inspirierend, aber mich haben gerade dieser potenzielle Clash, aber auch die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, interessiert. New York ist eine Stadt, die für den Wert und die Dynamik von Global Citizens steht und unfassbar, wunderbar heterogen und voller Chancen ist. Gleichzeitig gibt es aber natürlich auch Gefährdungspotenziale. Insbesondere, da New York – wie man das hier so sagt – fast besessen transaction-driven ist. Oft geht es nur um den schnellen und skalierbaren Erfolg. Es wird den Protagonisten relativ wenig Zeit gegeben, um sich einzuarbeiten. Für manche bedeutet das ein schnelleres ‚Todesurteil‘, als das an anderen Orten der Fall sein mag.

„New York ist fast besessen transaction-driven. Oft geht es nur um den schnellen und skalierbaren Erfolg.“

Was sind die Mentalitätsunterschiede im Vergleich zu Europa und speziell zu Deutschland – auch in der Politik?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Ich glaube, dass man hier im Wechselspiel der Politik und der digitalen Tech-Industrie insoweit einen Schritt weiter ist. Man erkennt, wie notwendig große Investitionen in die entsprechende Infrastruktur sind, wie notwendig es ist, dass sich Politik – auch in der Tiefe – mit den großen Fragen beschäftigt, die die Digitalisierung mit sich bringt. Hier werden weniger Abwehrkämpfe als Gestaltungskämpfe geführt. Das ist ein großer Unterschied: ein Abwehrkampf ist einer, der den Gedanken der Ablehnung, Gewohntes ungern aufzugeben in sich trägt. Hier befinden sich der Private- und der Public-Sektor in einem Wettkampf, was die Meinungsführerschaft und regulatorische Fragen anbelangt. Aber das Ermöglichen steht im Vordergrund. Dies ist stark in der amerikanischen DNA verankert. In der europäischen hat man manchmal das Gefühl, dass das Verhindern auch noch einen hohen Stellenwert hat.

„In der amerikanischen Gesellschaft ist Scheitern nicht etwas, das sofort zur Stigmatisierung führt“

Und in Bezug auf Gründer?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Die grundsätzliche Herangehensweise an Gründer und die Gefahrenpotenziale sind anders. In der amerikanischen Gesellschaft ist Scheitern nicht etwas, das sofort zur Stigmatisierung führt, sondern das auch positiv als Erfahrungswert aufgenommen wird. Man sollte tunlichst aufpassen, dass man nicht zehnmal im Jahr an die Wand fährt, auch nicht dreimal (lacht), aber es gibt einen sehr gesunden Umgang mit dem Begriff des Scheiterns und damit zusammenhängend dem Mut, etwas zu unternehmen. Hinzu kommt die Frage: Haben wir eine Risiko-Ausblendungs-Kultur oder eine Risiko-Wahrnehmungs-Kultur? Wahrscheinlich ist man in den USA näher an der Ausblendungskultur, was manchmal auch ins andere Extrem umschlagen kann, nämlich dass einem auch die waghalsigsten Ideen als sogenannte Moon Shots verkauft werden.

Gibt es in der deutschen Politik genügend Digitalkompetenz, genügend junge Leute, die verstehen und Weichen stellen für die Zukunft?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Das Problem ist weniger das Personal als das System. Unser heutiges politisches System lässt es kaum zu, sich die notwendige Kompetenz zu erarbeiten, um wirklich in der Tiefe die Komplexität dieser Materie mit ihren Chancen und Risiken zu verstehen. Politik ist zunehmend von Ad-hoc-Handeln geprägt und natürlich gibt es einige junge interessante Köpfe die verstanden haben, dass man sich auch über die Parteigrenzen hinweg der Materie annehmen muss. Oft krachen sie aber noch gegen die Gummiwände der Besitzstände, wenn sie versuchen, das in ihren jeweiligen Gremien durchzusetzen. Im Wesentlichen ist der heutige Stil und die heutige Geschwindigkeit politischer Entscheidungen das größte Hemmnis, um wieder auf Augenhöhe der Geschwindigkeit der Entwicklung zu begegnen.

„DIE WESTKÜSTE TICKT NOCH MAL EIN BISSCHEN VERWEGENER“

Hat Europa als Ganzes eine Chance oder sind es eher Teilmärkte?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Wenn, dann ist die größte Chance die Bereitschaft über die nationalen Grenzen hinweg zu denken. Das gilt für neue Technologien heute generell. Gleichzeitig nationale oder auch europäische Grenzen in der Politik zu setzen und zu glauben, dass man damit im weltweiten Wettbewerb bestehen könnte, ist eine Illusion.

Was machen die von Ihnen gegründeten transatlantischen Organisationen Atlantic Advisory Partners und Spitzberg Partners?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Im Beratungsbereich helfen wir europäischen und amerikanischen Unternehmen bei dem jeweiligen Rollout im anderen Markt. Wir unterstützen traditionelle Old-Industry-Unternehmen bei der Suche nach einem M&A-Ziel im Bereich der neuen Technologien. Und wir helfen natürlich den großen Technologieunternehmen bei ihrer Suche nach kleinen Unternehmen, die in das Portfolio passen. Gleichzeitig investieren wir auch aktiv in Unternehmen, die sich im Wesentlichen in vier Bereichen befinden: Fintech, Artificial Intelligence, Big-Data-Analytics und IoT. Wir gehen aber auch opportunistisch vor, wenn wir eine tolle Idee sehen. Dafür haben wir sowohl Büros in Europa als auch in den USA und Kanada. Wir sind aber auch in Asien tätig.

Was unterscheidet Sie von anderen Investoren?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Wir achten auf drei Aspekte, die in meinen Augen sowohl von den großen Venture-Capital-Firmen als auch von den betroffenen Unternehmen dramatisch unterschätzt werden. Das eine sind kulturelle Unterschiede, wo es wirklich einen immensen Mangel an Verständnis gibt – auf beiden Seiten übrigens. Das andere sind geopolitische Faktoren. In kaum einer Bewertung kommt das vor. Viele junge Unternehmen machen sich keine Gedanken darüber, welche weitreichenden politischen Konsequenzen mit einer oftmals wunderbaren Erfindung verbunden sind, wenn sie damit plötzlich in andere Märkte vordringen. Viele Unternehmen scheitern zwischen der B- und C-Runde, weil sie dann unvorbereitet zum ersten Mal beginnen, sich etwa über die Kontrolle über gewisse Daten Gedanken zu machen. Der dritte Faktor sind regulatorische Eigenheiten in den jeweiligen Märkten.

„Wir achten auf kulturelle Unterschiede, geopolitische Faktoren und regulatorische Eigenheiten“

Haben Sie einen Fonds?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Nein, es war eigenes Kapital, das wir zur Gründung des Unternehmens investiert haben. Dann haben wir es – Gott sei Dank und sicher auch mit Glück und tollem Personal – geschafft, so viel Kapital zu generieren, dass wir auch gut investieren können.

Was kann sich die deutsche Gründerszene von New York oder der Westküste abgucken?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Die Westküste tickt noch mal ein bisschen verwegener, was die Potenziale einer Idee anbelangt. Da wird manchmal der größte Schafsscheiß als die nächste Milliarden-Idee verkauft. Da muss man sehr, sehr genau selektieren und hinter die Hochglanzdecks schauen. Andererseits: Wenn jemand mit einer gewissen deutschen Nüchternheit – was ich persönlich als sehr wohltuend empfinde – auftritt, haben sie dort oft schon verloren. Die Amerikaner bringen etwas mit, was mir fehlt, wenn ich mit deutschen Unternehmen zu tun habe: das ist die Kunstfertigkeit, sein eigenes Unternehmen auch mit einer gewissen Begeisterung vorzustellen, einen Pitch zu machen, der den Begriff auch verdient – nicht irgendein stotterndes Männchen, das vor mir steht, wo ich nach zwei Minuten mehr Mitleid bekomme als Lust, mit denen wirklich was zu machen.

Gibt es in New York gerade eine neue Welle von Gründungen?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Ich glaube, dass die Gründungswelle immer noch in einer stabilen Aufwärtskurve ist und sich auch relativ resistent gezeigt hat gegenüber globalen wirtschaftlichen Spannungen. Diese Stadt scheint einfach immer wieder diesen innovativen Geist zu fördern. Was sicherlich irgendwann einen Dämpfer erfahren wird, ist die teilweise obszöne Überbewertung von einigen Unternehmen. Es wird Erschütterungen geben, was in meinen Augen aber wenig an der hiesigen Gründungsbereitschaft ändern wird.

Wie ist es mit Kapital?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Ja, ein wichtiger, aber zwiespältiger Aspekt. Der Unterschied im Kapitalfluss zwischen den USA und Deutschland ist drastisch. Zu viel Kapital kann eine junge Firma aber auch killen, wie wir alle wissen. Die Erwartungshaltung ist eine andere, wenn wir eine Seed Round oder eine A-Runde haben, die sich noch im niedrigen sechsstelligen Bereich befindet oder – wie hier – auch schon mal in den zweistelligen Millionenbereich hineinragen kann. Von daher ist eine vernünftige Herangehensweise an das benötigte Kapital grundsätzlich eine Stärke. Wir sind aber noch weit entfernt davon, ein Risikokapitalverständnis in Deutschland oder Europa aufzubauen, das dem hier drüben nahekommt. Da muss auch die Gesetzgebung noch nacharbeiten. Ich bin jetzt ein amerikanischer Steuerbürger, und es ist für mich in einigen europäischen Ländern beispielsweise nicht möglich, ohne völlig verrückte Gestaltungsformen in dortige Kapital-, Holdinggesellschaften oder ähnliches zu investieren.

„ZU VIEL KAPITAL KANN EINE JUNGE FIRMA AUCH KILLEN“

Ist das fehlende Kapital ein Standortnachteil für Deutschland?

Karl-Theodor zu Guttenberg: Eine nicht überzogene Seed- und A-Runde ist alles andere als schädlich für ein Unternehmen. Problematisch wird es, wenn es wächst und ins Ausland gehen will und ihm dann zu potenziell existierenden Wettbewerbern einfach eine Kriegskasse fehlt. Deswegen muss dieser Schritt genau geplant werden.

KARL-THEODOR ZU GUTTENBERG

war bis 2011 Bundesverteidigungsminister (CSU), trat wegen einer Plagiatsaffäre zurück und wanderte dann mit seiner Familie in die USA aus.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 10-11/2016

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