Ferry, was ist die größte Herausforderung, wenn man wie Ihr das Speditionsgewerbe digitalisieren will?

Ferry Heilemann: Das Speditionsgewerbe ist noch immer ein sehr analoges Geschäft. Sehr viele Prozesse laufen papierbasiert. Wir kommen jetzt mit einer digitalen DNA in diesen Markt und natürlich bohren wir hier ein dickes Brett. Zum Beispiel, wenn wir digitale Schnittstellen verbinden wollen, uns aber von der anderen Seite der Screenshot einer Excel-Tabelle übermittelt wird. Wir sind insofern abhängig von den Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten. Unsere Mission ist es, eine digitale Ebene quer durch die gesamte Wertschöpfungskette einzuziehen.

Geht Ihr dann in die Unternehmen rein, um Ihnen bei der Digitalisierung zu helfen?

Ferry Heilemann: Nein, das würde viel zu weit gehen. Wir geben mal einen Tipp, sind aber nicht Beratungsagentur, sondern eine digitale Spedition. Wir versuchen Partner zu finden, die schon relativ digital sind und die vor allem darin für sich und ihre Kunden auch in finanzieller und prozessualer Hinsicht einen Mehrwehrt sehen.

Wie ist es für Euch als Branchenfremde in dieser konservativen Branche Fuß zu fassen?

Ferry Heilemann: Das Thema Digitalisierung ist nicht erst seit zwei oder drei Jahren aktuell und es erfasst alle Branchen, auch das Logistik- und Speditionsgewerbe. Das ist den Firmen und Managern auch bewusst. So gesehen werden wir generell mit offenen Armen empfangen. Die Leute wissen, dass sie sich generell in diese Richtung entwickeln müssen und es für niemanden im Markt Sinn macht, sich vor der digitalen Transformation wegzuducken.

Wie seid Ihr auf dieses Thema gekommen?

Ferry Heilemann: Hierzu muss man unsere Historie kennen und verstehen. 2015 haben wir über Monate an der Idee gearbeitet und den Markt mit Experten und potentiellen Kunden aufwändig validiert. Bereits 2014 habe ich gemeinsam mit meinem Bruder Fabian die Entscheidung getroffen, die aktuellen Geschäfte – zu dem Zeitpunkt Dailydeal, Pepperbill und Heilemann & Company – nicht die nächsten fünf Jahre weiterzuführen, sondern uns auf ein neues Thema zu konzentrieren. Auch die Speditions-Branche haben wir uns angesehen, weil wir in Hamburg bereits gute Kontakte zu einigen Reedern und Speditionen aufgebaut hatten.

Wie seid ihr zu diesen Kontakten gekommen?

Ferry Heilemann: Fabian hat sieben Jahre in Hamburg gelebt und vor Ort ein gutes Netzwerk aufgebaut. Wir sind bereits seit 2000 gemeinsam unternehmerisch aktiv, auch in verschiedenen Verbänden und Organisationen haben wir uns engagiert. Da baut sich das Netzwerk natürlich immer weiter aus. Die Kontakte haben wir im Ideenfindungsprozess genutzt, um herauszufinden, welche Probleme es in verschiedenen Branchen gibt. Wir sind relativ schnell darauf gekommen, dass das Thema Spedition viel Potenzial bietet. Die Kunden müssen zum Beispiel auf ein Angebot bis zu drei Tage warten. Wir waren überzeigt davon, dass man diese Prozesse besser machen kann, wenn man sie von Grund auf digitalisiert.

Was war der nächste Schritt?

Ferry Heilemann: Wir hatten zuerst den Gedanken, das Thema als Software as a Service aufzubauen, den bestehenden Speditionen also nur ein Software-Tool anzubieten, damit sie sich dann selbst ein Stück weit von innen automatisieren können. Es hat sich aber herausgestellt, dass wir damit sehr viel individuellen Aufwand gehabt hätten, weil alle Spediteure ihre eigenen Legacy-IT-Systeme haben und wir diese dann jeweils hätten anpassen oder sogar ersetzen müssen. Dadurch wäre das Business nicht besonders gut skalierbar gewesen und hätte Agentur-Charakter gehabt. Deswegen haben wir jetzt die aus unserer Sicht ideale, digitale Speditionslösung selbst gebaut, anstatt Software an bestehende Spediteure zu verkaufen. Wir sind selbst eine vollwertige Spedition, die aber eine komplett digitale Perspektive hat und nicht mit alten Prozessen und IT-Systemen arbeitet. Wir haben von Anfang an das Produkt entlang der Kundenbedürfnisse abgeleitet, die wir im Gespräch mit hunderten potentiellen Kunden eingeholt haben.

„WIR SIND DER ONE-STOP-SHOP FÜR DEN KUNDEN UND ÜBERNEHMEN DIE VERANTWORTUNG FÜR DEN WELTWEITEN FRACHTTRANSPORT VON TÜR ZU TÜR“

Ihr habt aber keine LKWs und keine Schiffe.

Ferry Heilemann: Korrekt. Wir sind Vermittler. Wenn ein Kunde zwei Container voll mit Schuhen von China nach Leipzig befördern will, braucht er zuerst eine Trucking-Firma, die den Container von der Fabrik etwa in Shenzhen zum Hafen bringt. Dann muss jemand vor Ort die Zölle und alle Formalitäten erledigen und die Container auf das Schiff heben. Dann folgt die Schiffsroute, dann wieder der Zoll in Hamburg und erst dann fährt die Ware mit einem Truck nach Leipzig. Viele verschiedene Parteien sind dabei involviert. Wir erfinden das Geschäftsmodell insofern nicht neu, bilden aber diese volle Wertschöpfungskette digital ab.

Ihr konzentriert Euch nur auf Schiffe und Trucks?

Ferry Heilemann: Wir machen heute bereits auch Luftfracht und bereits 25 Prozent des Umsatzes in diesem Bereich. Wobei die Integrationstiefe über die nächsten Quartale tiefer werden wird.

Wer sind Eure Kunden? Die, die Container von A nach B befördern wollen oder die Logistikunternehmen?

Ferry Heilemann: Die Logistikunternehmen sind eher unsere Partner. Wir besitzen keine Trucks, keine Schiffe und keine Flugzeuge. Wir sind komplett Asset free und managen den Prozess zwischen denen, die die Assets besitzen und unseren Kunden, die die Leistungen beziehen.

Ihr seid also so etwas wie Helpling für Fracht?

Ferry Heilemann: Es geht weit darüber hinaus: Wir sind der One-Stop-Shop für den Kunden und übernehmen die Verantwortung für den weltweiten Frachttransport von Tür zu Tür. Hierfür haben wir grundlegende digitale Prozessinnovationen integriert. Angefangen bei der Quotierung.

… Quotierung?

Ferry Heilemann: Das ist eine Preisanfrage des Kunden an den Spediteur für den Versand von A nach B. Diese Quotierung läuft bei traditionellen Speditionen heute oft noch manuell und dauert bis zu drei Tage. Das Angebot sind zwei bis drei PDF-Seiten mit 40 verschiedenen Posten, wie Saison-Zuschlag, Diesel-Zuschlag, Terminal-Gebühr, Schiffstransport, Trucking und so weiter. Daraus sucht der Kunde sich selbst nach bestem Wissen zusammen, was das am Ende kostet. Der Endpreis ist in der Regel nicht ausgewiesen. Fazit: Es ist hochkomplex, es ist langsam und es ist offline. Und das ist nur der Quotierungsprozess. Bei uns geht der Kunde auf die Plattform, tippt ein „Shenzhen nach Torstraße 1 in Berlin“ und bekommt innerhalb von wenigen Sekunden nicht ein oder zwei Angebote, sondern direkt 200 verschiedene Angebote, bei denen er auswählen kann, wann das Schiff abfahren, wie lange es unterwegs sein soll und was das kostet. Wir bilden das Ganze in einer Matrix ab, ähnlich wie man es heute bei Swoodoo oder Kajak für die Reisebuchung kennt.

(Foto: Jann Venherm)
(Foto: Jann Venherm)

Fracht buchen ist jetzt wie Flug buchen?

Ferry Heilemann: Fracht buchen ist bei Freighthub exakt wie Flug buchen! Man kann einen guten Vergleich ziehen zum Personentransport. Vor 20 Jahren ist man auch noch ins Reisebüro gegangen, um einen Flug zu buchen. Heute macht man es in drei Minuten online. Wir vermitteln nicht nur, sondern wir verbessern auch die User Experience und den Gesamtprozess extrem.

Das kann aber nur funktionieren, wenn alle Daten zuvor digitalisiert wurden.

Ferry Heilemann: Genau, dafür beziehen wir die Preise und Angaben digital von unseren Partnern und füttern damit unsere Datenbank. Darin sind mittlerweile mehr als zwei Millionen Datenpunkte. Mit unserem proprietären Algorithmus generieren wir innerhalb von Sekunden verschiedene Angebote.

Wie sieht euer Geschäftsmodell aus?

Ferry Heilemann: Es ist ganz einfach und transparent für den Kunden: Auf den Buchungspreis addieren wir die marktüblichen 10 bis 20 Prozent Handling-Gebühr – abhängig vom Volumen und auch von der Größe des Kunden.

Seid ihr günstiger als andere Speditionen?

Ferry Heilemann: Unser Ziel ist nicht, der günstigste am Markt zu sein. Unser Ziel ist es, eine transparentere Leistung, eine bessere Usability und einen einfacheren und schnelleren Prozess anzubieten. Zu einem guten Preis.

Euer Geschäftsmodell lebt von der Zahl der Partner, die mit Euch zusammenarbeiten, Wie viele sind das?

Ferry Heilemann: Wir arbeiten aktuell mit den 12 größten Reedereien zusammen. Außerdem stehen uns fast 1000 LKWs für den Transport vom Hafen zum Bestimmungsort zu Verfügung. Außerdem haben wir Partner für Verzollung und Versicherung sowie lokale Handling-Agents, zum Beispiel für Asien.

Wer sind Eure Wettbewerber?

Ferry Heilemann: Die etablierten mittelständischen Speditionen. Es gibt in Deutschland keinen anderen digitalen Player. Auch weltweit sind wir mit unserem Feature-Set einzigartig.

„Damit sind wir der einzige multimodale digitale Spediteur“

Wie grenzt Ihr Euch von Anbietern wie Mycargorates oder Timocom ab?

Ferry Heilemann: Timocom fokussiert sich darauf, Trucks innerhalb von Europa zu bewegen. Mycargorates vergleicht Preise. Instafreight aus dem Rocket-Umfeld kennen wir gut, weil der Rocket-Fonds GFC zu unseren Investoren gehört. Instafreight fokussiert sich wie Timocom ausschließlich auf Landfracht und ist potenziell eher ein Kooperationspartner als ein Konkurrent. Damit sind wir der einzige multimodale digitale Spediteur.

Ist Flexport aus den USA ein Vorbild für Euch?

Ferry Heilemann: Nein. Flexport ist zwar auch eine Spedition, allerdings mit Sitz in San Francisco und Fokus auf die die Route von Asien nach Westamerika. Darüber hinaus bieten sie keine Instant-Quotation an und keine volle Preistransparenz. Es gibt zwei Modelle: Marktplätze wie Haven.com oder Freightos, wo man Preise vergleichen kann. Und Anbieter wie Flexport, die den Transport tatsächlich abwickeln. Wir kombinieren die Vorteile aus beiden Modellen. Bei uns kann man in Echtzeit Preise vergleichen und direkt buchen.

„Wir haben uns Topleute aus der Logistik-Wirtschaft, beispielswiese von Kühne + Nagel und DHL geholt und kombinieren das mit Berliner Digital-Kompetenz“

Das Geschäft ist deutlich komplexer als Eure bisherigen E-Commerce-Aktivitäten. Macht das Spaß?

Ferry Heilemann: Es ist in der Tat deutlich komplexer als ein einfacher E-Commerce-Shop. Wir agieren international, es gibt Sprachbarrieren und es gibt Haftungssituationen. Die Herausforderung gefällt uns sehr gut. Wir haben uns Topleute aus der Logistik-Wirtschaft, beispielswiese von Kühne + Nagel und DHL geholt und kombinieren das mit Berliner Digital-Kompetenz.

Wie groß ist Euer Team?

Ferry Heilemann: Wir sind aktuell circa 25 Leute in Berlin, ein Drittel davon in der Tech-Abteilung. Wir suchen aktiv in den Bereichen Logistik, Software-Development, Online Marketing und Kundenbetreuung. Leute, die B2B-Erfahrung haben und sowohl Performance-Marketing als auch Content-Marketing machen können. Wir haben viele verschiedene interessante Positionen, auch für Speditionskaufleute.

Was habt Ihr mit der Finanzierung von drei Millionen Dollar vor, die Ihr im September bekommen habt?

Ferry Heilemann: Wir wollen weitere Handelsrouten anbieten. Das Thema Transatlantik wird bald relevant werden. Luftfracht werden wir tiefer integrieren. Wir werden auch unser Produkt – Stichwort Sendungsverfolgung und Management der Shipments – weiter ausbauen. Aktuell arbeiten wir primär mit kleineren und mittleren Kunden, die fünf bis 200 Container pro Jahr bewegen. Künftig werden wir mit zusätzlichen Features auch größere Kunden ansprechen.

Wäre Zalando so ein potenzieller Kunde?

Ferry Heilemann: Zalando oder auch Home24 kommen infrage. Wir haben bereits eine zweistellige Zahl von Kunden aus der Berliner Digitalwirtschaft. Aber wir gehen neben dem E-Commerce-Playern auch an den typischen deutschen Mittelstand ran.

Wie viele Container bewegt Ihr bereits?

Ferry Heilemann: Es ist bereits eine dreistellige Zahl an Containern. Im Juli haben wir die Tarnkappe abgesetzt, die ersten Buchungen generiert und die ersten Container aufs Wasser zu schicken. Die sind 30 Tage unterwegs bis sie ankommen. Wir haben es seit Juli geschafft, unseren Umsatz jeden Monat zu verdoppeln. Wir und auch unsere Investoren sind mit der bisherigen Entwicklung sehr zufrieden.

Wie aggressiv wollt ihr wachsen?

Ferry Heilemann: Die Entwicklung ist mit Sicherheit nicht mit Dailydeal vergleichbar, wo wir in sechs Monaten auf 100 Mitarbeiter gewachsen sind. Bei Freighthub geht es darum, grundsolide Prozesse aufzusetzen und ein weltweit führendes Produkt zu bauen. Wir haben einen langfristigen Horizont und wollen weiterhin natürlich zügig wachsen, aber dabei ist hohe Kundenzufriedenheit das oberste Credo.

Das heißt, Ihr wollt diesmal langfristig dabeibleiben?

Ferry Heilemann: Absolut. Wir haben nicht vor, die Company nach anderthalb Jahren zu verkaufen, sondern wir wollen eine langfristige, große Company bauen. Wir wollen unter die Top 20 der Spediteure.

„Wir wollen die international führende digitale Spedition des 21. Jahrhunderts werden“

Ihr wollt das neue DHL werden?

Ferry Heilemann: Wir wollen die international führende digitale Spedition des 21. Jahrhunderts werden.

Könnte DHL auch eine Exit-Möglichkeit sein?

Ferry Heilemann: Im Moment spielt das Thema Exit für uns keine Rolle. Wir halten den Markt für sehr attraktiv. Die Logistik-Branche steht jetzt an der Schwelle der Digitalisierung. Wir haben Spaß an der Sache und wollen ein großes, nachhaltiges Unternehmen aufbauen.

Ihr habt ziemlich viele Investoren. Eventuell sogar zu viele, das könnte es kompliziert machen. Hat sich niemand getraut, großes Geld zu geben?

Ferry Heilemann: Wir haben verschiedene Arten von Investoren. Mit GFC und Cherry zwei größere Lead-VCs,. Dann haben wir zwei etwas kleinere VCs als Co-Investoren – Cavalry und La Famiglia. Daneben haben wir eine Reihe von sehr renommierten und strategisch relevanten Business Angels, die uns mit Ihrem Know-how unterstüzten und Zugang zu Entscheidern bei potentiellen Kunden verschaffen. Alle Investoren, mit denen wir zusammenarbeiten, kennen wir bereits seit Jahren.

Das Gespräch führte Corinna Visser

Zuerst erschienen in Berlin Valley 19/2016

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FERRY HEILEMANN

Ferry Heilemann ist gemeinsam mit Erik Muttersbach (CTO), Michael Wax (CCO) und Fabian Heilemann Mitgründer von Freighthub. Der 30-Jährige ist in Hameln geboren, hat an der WHU in Koblenz studiert und unmittelbar danach im Jahr 2009 gemeinsam mit seinem Bruder Dailydeal gestartet. Seitdem ist er als Digitalunternehmer und Investor in Berlin aktiv.

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