Martin, wie ist Munich Venture Partners aufgestellt?

Martin Kröner: Wir haben zwei Fonds, mit denen wir in Cleantech-Startups investieren. Insgesamt managen wir 190 Millionen Euro. Cleantech ist ein sehr industriell ausgerichtetes Thema. Darauf sind wir bei MVP spezialisiert. Zu unserem Team gehören Kaufleute, Physiker, Informatiker und Ingenieure. Ich selbst bin Maschinenbauingenieur und war vorher CEO bei einem Cleantech-Startup.

Wie sind die Cleantech-Startups gestrickt?

Martin Kröner: Oft gründen Techniker in dem Bereich und holen sich dann einen Kaufmann dazu. Viele Gründungen kommen aus den Unis, und die Gründer sind tendenziell älter als beispielsweise im klassischen E-Commerce-Startup und haben oft schon mal gegründet. Die Geschäftsmodelle sind sehr hardwarelastig. Man findet wenige Unternehmen, die nur Software anbieten. Selbst unsere Portfolio-Firma Relayr, die IoT-Software anbietet, ist sehr industriell ausgerichtet, weil sie dort ihre großen Kunden findet und die Hardware der Industrie mit IoT-Intelligenz ausrüstet.

„OHNE DAS EEG GÄBE ES DEN INDUSTRIELLEN CLEANTECH-SEKTOR JETZT NICHT“

Wie sieht die Startup-Szene rund um den Energie-Markt aus?

Martin Kröner: Da bewegt sich einiges, und es entstehen viele Startups. Aber es ist definitiv zu wenig Geld im Markt. Deswegen gibt es wenig Wettbewerb unter den Investoren und das ist wiederum nicht gut für die Startups. Sie müssen insbesondere in B- und C-Runden derzeit froh sein, wenn sie überhaupt weitere Kapitalgeber finden.

Der Energiemarkt ist stark reguliert und von der Politik beeinflusst. Wie geht Ihr damit um?

Martin Kröner: Die Abhängigkeit von der Politik ist natürlich immer ein Thema. Wir versuchen, Startups mit Geschäftsmodellen zu finden, die nicht direkt davon betroffen sind. Wir sind beispielsweise nicht in Wind- oder Photovoltaik-Firmen investiert. Ein gutes Beispiel ist das Startup Sonnen. Das hat ohne staatliche Förderung erfolgreich eine Energie-Community aus Solarproduzenten und Heimbatterie-Speichern aufgebaut. Da war es sogar so, dass der Umsatz immer etwas zurückging, wenn wieder ein großes Förderprogramm in Planung war, weil die Kunden auf das neue Förderprogramm gewartet haben. Der Markt ist außerdem nicht überall so stark reguliert wie in Deutschland, und da wir als VC international tätig sind, balanciert sich das aus.

Speicher an der Wand: Das Startup Sonnen gehört zum Portfolio von Munich Venture Partners (Bild: Sonnen)
Speicher an der Wand: Das Startup Sonnen gehört zum Portfolio von Munich Venture Partners (Bild: Sonnen)

Wie schätzt Du die Regulierung in Deutschland ein?

Martin Kröner: Der Energie-Markt ist immer reguliert und das ist gut so, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die Leute schimpfen häufig auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – das würde den Strom zu teuer machen. Ich sehe das differenzierter. Vor 20 Jahren sah der Markt in Deutschland noch ganz anders aus, und wir hätten den industriellen Cleantech-Sektor in Deutschland ohne dieses Gesetz heute nicht. Das hat Planungssicherheit bewirkt, und es gibt Studien, die sagen, dass der Strom heute ohne die erneuerbaren Energien sogar noch teurer wäre. Es wäre jetzt aber wieder an der Zeit zu deregulieren, weil die Technologien mittlerweile wettbewerbsfähig sind und die Regulierung neuen Technologien im Weg stehen kann. Wir haben beispielsweise Electrochaea im Portfolio, eine Power-to-Gas-Technologie, mit der Strom in Form von Erdgas gespeichert und transportiert werden kann. Durch die derzeitige Regulierung ist der Markt in Deutschland dafür aber sehr herausfordernd. Der Strom wird im Überschuss produziert, ich speichere ihn, mache dadurch mehr erneuerbare Energie im System verfügbar und zahle trotzdem eine EEG-Umlage auf den gespeicherten Strom. Das ist eine Doppelbesteuerung, die Stromspeicherung unnötig teuer macht. Das zeigt, dass das EEG nicht mehr in allen Bereichen für Sicherheit und Fortschritt sorgt.

Welche Geschäftsmodelle haben Zukunft im deutschen Energiemarkt?

Martin Kröner: Es geht im Moment in Richtung Dezentralisierung, und das Stromnetz der Zukunft wird stärker von dezentralen, intelligent gemanagten Anlagen geprägt sein als von großen Energieproduzenten. Da gibt es auf Erzeuger- und Verbraucherseite viele verschiedene Modelle, die man nur noch sinnvoll miteinander verknüpfen muss. Die Technologien dafür sind heute schon verfügbar.

„DAS STROMNETZ DER ZUKUNFT WIRD STÄRKER VON DEZENTRALEN, INTELLIGENT GEMANAGTEN ANLAGEN GEPRÄGT SEIN“

Bisher hat die Energieversorgung durch wenige große Anbieter gut funktioniert. Warum dezentralisiert sich das jetzt?

Martin Kröner: Der Transport von Energie ist schwierig, deswegen sind Energiespeicherung und Netzauslastung immer auch lokale Themen. Eine Zeit lang war es lukrativ, den Strom aus der eigenen Solaranlage ins Netz einzuspeisen, weil die Einspeisevergütung durch das EEG sehr hoch festgesetzt war. Diese Vergütung ist jetzt so stark gesunken, dass es sich eher lohnt, den Strom einer lokalen Community zur Verfügung zu stellen, aus der man dann auch seinen eigenen Strom bezieht. Dazu braucht es intelligente Steuerung, und darin sind Startups sehr gut. Allerdings funktioniert das nur, wenn die Infrastruktur da ist, um den Strom zu verteilen.

Die großen Netzbetreiber und Energieversorger werden also weiterhin eine Rolle spielen?

Martin Kröner: Ja, aber sie erleben einen Wandel. Die Stromproduktion aus Sonne und Wind ist extrem günstig. Sobald das Solar- oder Wind-Kraftwerk steht, sind die Stromgestehungskosten extrem niedrig. Die Energie aus Wind und Sonne selbst kostet ja nichts. Der Strom wird im besten Fall vom Verbraucher selbst produziert. Die Menschen werden zukünftig eher für die Netze und die Versorgungssicherheit bezahlen als für den Strom selbst. Das läuft dann – ähnlich wie in der Telekommunikation – auf ein Flatrate-Modell hinaus.

„Die Menschen werden zukünftig eher für die Netze und die Versorgungssicherheit bezahlen als für den Strom selbst“

Wie genau verändert sich die Rolle der großen Player?

Martin Kröner: Die Energieriesen haben erkannt, dass sich ihre Rolle vom Stromversorger zum Energiedienstleister wandelt und sie ihren Kunden einen Service bieten müssen. Diesen Wandel in so großen Konzernen hinzukriegen, ist aber nicht so einfach. Da sind die Startups gerade vorn. RWE und Eon haben sich beispielsweise aufgespalten, um dem gerecht zu werden. Das ist sinnvoll, denn wir brauchen den Wandel und das Neue. Aber wir brauchen auch die Sicherheit und die alte Welt noch.

Was muss noch passieren, damit wir die Energiewende schaffen?

Martin Kröner: Das Thema Stromspeicher gehört auf die politische Agenda. Die Doppelbesteuerung von gespeicherter Energie ist sinnlos und verhindert neue Geschäftsmodelle in dem Bereich. Im Startup-Bereich brauchen wir mehr Kapital durch mehr und auch größere Investoren. Ansonsten sind unsere deutschen Startups sehr gut aufgestellt und können weiterhin eine Vorreiterrolle im europäischen und auch weltweiten Energiemarkt einnehmen. Insbesondere durch die Kombination aus Hardware und IoT entstehen völlig neue Lösungen, die die Wertschöpfungsketten grundlegend verändern werden. Startups bringen dazu die Agilität und ein neues Mindset in den Energiemarkt.

Martin Kröner (Bild: Munich Venture Partners)

MARTIN KRÖNER

Martin gehört zum Team von Munich Venture Partners. Zuvor war er Mitgründer und CEO von Agnion Energy und führte mit der Firma mehrere Finanzierungsrunden mit renommierten Investoren wie Kleiner Perkins Caufield & Byers und Wellington Partners durch. Kröner ist Maschinenbauingenieur und hat im Bereich Thermodynamik promoviert.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 22

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