Früher waren Ärzte Halbgötter in Weiß. Doch diese Götter sterben langsam aus. Der Patient ist nicht mehr nur passiver Teil seiner Behandlung und tut nicht mehr unkritisch, was ihm gesagt wird. Durch das Internet und smarte Endgeräte haben wir immer Zugriff auf Informationen über unsere Gesundheit. Wir können uns online über Krankheiten und Therapien informieren oder in Foren austauschen, unsere Ärzte auf Vergleichsportalen bewerten und uns nach besseren Alternativen umsehen. Die Digitalisierung verringert die Informationsasymmetrie zwischen Arzt und Patient. Patienten wollen immer mehr selbst wissen und entscheiden. Sie sammeln Daten, fragen kritisch und holen eine zweite Meinung ein. Der Arzt wird vom Entscheider zum Berater in Gesundheitsfragen.

Beraten und verwalten

An dieser Stelle liegt großes Potenzial für Startups: Sie können den Patienten noch weiter darin unterstützen, die eigene Gesundheit selbst zu managen: Apps oder Wearables tracken Schlaf und Aktivität, Frauen können mit der App Clue ihren Zyklus verfolgen, mit günstigen Geräten von Alivecor oder Cortrium können selbst EKGs von zu Hause erstellt werden. Das Startup Kiweno untersucht das Blut seiner Kunden in verschiedenen Testpaketen auf Lebensmittelunverträglichkeiten oder Nährstoffmangel. Die Proben werden per Post eingeschickt, und die Ergebnisse übersichtlich auf der Online-Plattform dargestellt.

Mithilfe von Big Data und smarten Algorithmen lernen Mediziner immer mehr über unseren Körper und können auch individuelle Daten genauer interpretieren

Selbst unsere Gene sind kein Geheimnis mehr, das den Medizinern vorbehalten wäre. Das US-Startup 23andme entschlüsselt die DNA jedes Kunden für nur 150 Dollar. Wissen ist Macht, und mithilfe dieser Services übernehmen die Kunden die Verantwortung für ihre Gesundheit selbst. Am Markt gewinnt am Ende, wer am nächsten am Kunden dran ist. Experten sehen das größte Potenzial im Healthcare-Markt im B2C-Bereich und ziehen einen Vergleich zur Disruption des Mobilitäts-Sektors: Früher gingen Kunden zu Mercedes und haben ein Auto gekauft. Das war die Lösung für das Kernproblem: Wie komme ich von A nach B? Jetzt kann Uber dieses Kernproblem ohne den Zwischenschritt Autokauf lösen und degradiert die Autokonzerne zu Zulieferern für seinen Service.

Im Gesundheitssystem kann das Gleiche passieren. Die medizinische Beratung wird durch die Digitalisierung nicht nur umfangreicher, sondern erhält auch eine andere Qualität. Mithilfe von Big Data und smarten Algorithmen lernen Mediziner immer mehr über unseren Körper und können auch individuelle Daten genauer interpretieren. Veränderte Muster können früher erkannt werden. Wearables nehmen ständig Daten über unseren Körper auf und können den Nutzer bereits warnen und präventive Empfehlungen geben, bevor einschränkende Symptome auftreten.

Werden die Ausgaben weiter steigen, wenn die Patienten die Verantwortung selbst übernehmen? (Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes)

Die strengen gesetzlichen Regelungen und das starre System aus Stakeholdern sind hohe Eintrittsbarrieren für den Gesundheitsmarkt. Ein großer und vergleichsweise wenig regulierter Markt ist der Bereich Prävention für Selbstzahler. Krankheitsbilder wie Herzinfarkt, Arterienverstopfung, Burnout oder Rückenschmerzen sind sehr verbreitet und kosten das Gesundheitssystem viel Geld. Sport und gesunde Ernährung verringern die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten dieser Art.

Startups wie Lifesum, Runtastic oder Upfit stehen für einen gesünderen Lifestyle. Lifesum hilft seinen Nutzern, gesunde Gewohnheiten anzunehmen, abzunehmen und sich mehr zu bewegen. Die App hat weltweit mehr als 13 Millionen Nutzer. Das Berliner Startup Upfit erstellt personalisierte Ernährungs- und Sportpläne, die ein Algorithmus auf Basis der Ziele und Lebensumstände der Kunden berechnet. Runtastic bietet in seinen verschiedenen Apps mittlerweile ein ganzes Gesundheits-Ökosystem: Laufen, Radfahren, Muskeltraining, Ernährung. Weltweit sind 95 Millionen Nutzer angemeldet.

Therapieempfehlung per App

Nicht nur für körperliche, auch für psychische Gesundheit gibt es digitale Angebote. Stress, Burnout und Depressionen machen laut Statistischem Bundesamt mehr als zehn Prozent der deutschen Gesundheitsausgaben aus. Die Meditations-App 7mind geht das Thema Stressprävention mit Meditationskursen zu verschiedenen Themen an. Moodpath ist ein Monitoring-System, mit dem Anwender ihre Stimmung aufzeichnen können. Nach 14 Tagen gibt die App eine Einschätzung des psychischen Zustandes und empfiehlt gegebenenfalls eine Therapie. Das Startup Selfapy will Therapiestellen entlasten und Menschen über eine App helfen, ihre Therapie zu Hause fortzuführen. Außerdem gehören zehn Gespräche mit einem Psychologen zum Programm. In einer Studie konnte das Unternehmen eine Reduktion der Symptomen um 50 Prozent feststellen.

Mit Anwendungen wie diesen können Ärzte entlastet werden. Viele Tests entfallen, wenn Patienten ihren Körper und ihre Psyche besser kennen. Apps übernehmen die Anamnese und überwachen die Gesundheit. Durch präventive Maßnahmen werden Menschen seltener krank. Für diese Entwicklung lohnt es sich, die Halbgötter in Weiß vom Himmel zu holen und zu Beratern zu machen.

Zuerst erschienen in Berlin Valley Nr. 19/2016

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2 Kommentare auf "Digitalisierung und Gesundheit: Startups verändern die Rolle des Arztes"

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