Wer durch Pekings Altstadt schlendert, kann sie leicht übersehen. Die Bar Capital Spirits Baijiu befindet sich nicht im 30. Stock eines glitzernden Hochhauses, sondern in einem historischen, restaurierten Hutong, einem der typischen chinesischen Wohnbauten. „Alle haben uns davon abgeraten“, erinnert sich Matthias Heger an die Anfänge seines Unternehmens. Baijiu, was übersetzt „weißer Alkohol“ bedeutet, war lange Zeit die inoffizielle Währung für gegenseitige Gefallen. Erhältlich in allen Preisklassen haftet Baijiu bis heute das Image von Billigfusel und Korruption an.

Womit keiner gerechnet hat: Das Konzept kam vor allem bei den jungen Chinesen und Touristen an. Magazine und TV-Sender aus der ganzen Welt berichteten über die Erfolgsgeschichte – und schließlich stand der erste Vertreter eines staatlichen Baijiu-Herstellers auf der Schwelle. „Die Baijiu-Industrie befand sich gerade mitten in einer riesigen Absatzkrise und wollte von uns wissen, ‚Wie macht ihr das nur?’, sagt Heger. Um die passenden Antworten geben zu können, gründete Heger Capital Spirits, eine Beratungsfirma für Baijiu-Export.

Heger ist ein Brückenbauer. Die Trinkgewohnheiten des Westens und die Prozesse, wie Marken in Europa und den USA funktionieren, ist den Baijiu-Produzenten völlig fremd. Außerdem „herrscht in China ein Paradox zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung“, erklärt Heger. „Viele denken, was in China geht, geht auch im Westen und andersrum.“ Für junge Unternehmen wie Capital Spirits bilden diese Unterschiede die Geschäftsgrundlage. Und das Geschäft ist, eingesessenen Staatsbetrieben die Tore zum Westen zu öffnen. Warum Heger die Tür zuerst in New York und Berlin und nicht etwa in London oder Paris aufstößt, ist schnell erklärt: „In Berlin kommst du mit 20 Prozent weniger PR-Budget aus als in London. Außerdem werden hier mittlerweile mehr Trends geboren. Und die Stadt ist zunehmend internationaler.“

Schicksal selbst in die Hand nehmen

Das liegt nicht zuletzt an Künstlern wie Helen Feng. Die ehemalige MTV-Moderatorin und Frontfrau der chinesischen Band Nova Heart liebt Berlin wegen der Kreativität. Feng ist außerdem Mitinitiatorin von Neu China, einer Plattform, die den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen China und dem Westen fördern will. Im Rahmen der Premiere auf dem Tech Open Air am 13. Juli stellte die Initiative verschiedene Protagonisten und Anknüpfungspunkte der aufstrebenden Startup-Szene Chinas vor. „Berlin ist das letzte große Mekka“, sagt Feng. „New York ist tot und San Francisco zu teuer. Hier schwebt noch eine Art längst vergessener Traum, der dich daran erinnert, dass du kein Geld verdienen solltest. In diese Richtung sollte sich auch Peking entwickeln.“

Dafür dürfte es mittlerweile zu spät sein: Peking spielt längst in einer Liga mit Startup-Hubs wie das Silicon Valley. Dank zahlloser Inkubatoren, privater Förderer, Communitys und Coworking Spaces boomt die Szene. Das System treibt junge Menschen eher unfreiwillig ins Unternehmertum. Durch fehlende Absicherung der Arbeitsplätze ist es in China einfach, von einem auf den anderen Tag den Job zu verlieren. Als Unternehmer hingegen hat man sein Schicksal in der eigenen Hand. Rechtliche Hürden zwingen zwar viele Einsteiger in den Graubereich, das stellt aber am Anfang kein großes Problem dar. „Wenn du unter dem Radar fliegst und klein bleibst, klappt das wunderbar“, erklärt Feng.

Ein größeres Hindernis sind die Banken. Die investieren lieber in sichere Staatsbetriebe statt in Startups. Folglich kommen Investitionen vor allem von anderen, inzwischen gewachsenen Unternehmen. Feng bezeichnet diesen Effekt der gegenseitigen Kredite als „Big-Brother-Netzwerk“. Da aber nicht alle Unternehmer gleich ehrenwert handeln, entsteht Vertrauen in China nur sehr, sehr langsam. Die wenigen Vertrauensbeziehungen, die chinesische Unternehmer haben, werden deshalb umso intensiver gepflegt. Es sind die vorausstrebenden Privatunternehmen, die China aktuell antreiben und in Aufbruchstimmung versetzen. „China hat sein Wachstum vor allem der Punk-Rock-Haltung einiger Unternehmer zu verdanken“, sagt Feng. „Leute wie Jack Ma, Gründer von Alibaba, hassen das alte System. Unternehmen wie seines bekommen keine Kredite von chinesischen Banken, sondern von Investoren aus Südafrika.“

„BERLIN IST DAS LETZTE GROSSE MEKKA. NEW YORK IST TOT UND SAN FRANCISCO ZU TEUER”

Alibaba gehört zusammen mit Baidu und der Wechat-Mutter Tencent zu der Kategorie der Unternehmen, die symbolisch für Chinas Fortschritt und Technikbegeisterung stehen. Das hierzulande nur als Messenger bekannte Wechat ist in China eine Universal-App für Bankgeschäfte, Einkäufe oder den Taxiruf. „Für Außenstehende ist unsere Smartphone-Nutzung nur schwer nachzuvollziehen, aber für die Chinesen ist das Smartphone ein bedeutender Teil des Lebens. Viele Leute haben Nackenschmerzen, weil wir ständig aufs Display schauen“, sagt Feng.

Die Technikversessenheit der Volksrepublik lässt sich gut mit der jungen Geschichte erklären. Durch die Verschlossenheit bis Ende der Siebzigerjahre war China lange Zeit eine Art Einwegspiegel. Die Öffnung war für viele Chinesen ein Kulturschock. „Wir wussten, dass wir hinterher waren, aber wir kannten das Ausmaß nicht. Daher kommt nicht nur das Interesse für Neues, sondern auch viel Unsicherheit. Aber die verfliegt langsam und das Selbstbewusstsein steigt.“

Für chinesische Startups bedeutet das vor allem die Erschließung weiterer Märkte. Hochburgen wie Berlin sind dabei ideale Drehkreuze. „Die weltweite Hipster-Bewegung in den Metropolen ist ein wichtiges Bindeglied und Übersetzer zwischen den Kulturen“, sagt Heger, der mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Mit einem auf den Westen angepassten Geschmack und einer neuen Markenidentität soll das chinesische Nationalgetränk Baijiu ab Oktober 2016 den Westen erobern.

Zuerst erschienen in Berlin Valley 08/2016

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