Obwohl die Begriffe IoT und Industrie 4.0 hunderte Keynotes im Land schmücken, weiß kaum jemand: Wo anpacken? Wie finden Gründer in IoT und Deep Tech-Themen, Geschäftsmodelle und die richtigen Gründerteams? Aus meiner Arbeit mit Unternehmen wie Miele und den Weltmarktführern in Ostwestfalen-Lippe weiß ich: IoT und Deep Tech entstehen nicht im eigenen Saft, sondern aus der Reibung der Disziplinen.

IoT, Industrie 4.0 und Deeptech: Innovation in der Peripherie

Vor acht Wochen hat Skype-Gründer Niklas Zennström Geld seines Fonds Atomico bei Energietechnikern und Maschinenbauern 40 Autominuten südlich von München hinterlegt. Auch Tesla Grohmann Automation wird nicht in Köln sitzen, sondern in der Eifel. Deutschland hat die nötigen Weltmarktführer, Studiengänge, Forschungszentren  und den Wissenstresor der Industrie. Sogar Venture Capital steht bereit. Allerdings nicht für Apps in Berlin.

Deutsche Großstädte haben kleine Valleys hervorgebracht: gut geölte Infrastrukturen, in denen man ein Startup für Daten-Analyse oder Essenslieferung schneller gründen kann als einen Stammtisch. Das Problem: Der Markt dafür wird immer satter, heterogene Ideen für unsere eigene, deutsche Industrie entstehen noch wenig. Ehrlich gesagt: Wie auch?

Wir haben BWL und Informationstechnik studiert und so sehen unsere Startups aus – so sahen auch meine Startups aus. Sie waren klar geprägt von der Infrastruktur der Großstädte, in denen ich gelebt habe. Für sechs Jahre war das New York, später kam Berlin hinzu. Mein Netzwerk hat sich ständig erweitert, mein Horizont erst mit einem Umzug nach Bielefeld. „Bielefeld?“ die Frage habe ich oft mit mehreren Fragezeichen gehört, als ich 2016 die Unternehmerinitiative Founders Foundation in Ostwestfalen-Lippe (OWL) mitgegründet habe. Doch allein die 15 größten Unternehmen der Region OWL machen 65 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Diese deutschen Powerplants nennen wir Mittelstand. Zum Vergleich: Die gesamte Berliner Industrie erreicht gerade einmal 23 Millionen pro Jahr.

Der natürliche Lebensraum der Industrie 4.0

Bereits 2012 beschrieb Forbes-Autor Steven Rosenbaum am Beispiel New York wie Innovation durch die Anbindung an die Industrie vor Ort entsteht und befeuert wird. In Manhattan gedeihen Ad-Tech und Fintechs besonders gut. Auch Hamburg versammelt die größte Ad-Tech-Power, während Berlin mehr E-Commerce und Data-Tech hervorbringt. Im B2C-Bereich boomt außerdem die Digitalisierung von urbanen Alltagsdiensten: Startups für Smoothie-Bringdienste und Echtrasen für Hundebesitzerwohnungen zeugen davon.

Industrie 4.0 und IoT bedeutet jedoch, an tonnenschwere Maschinen, Klemmsteuerungen und Greifarme anzudocken. Ihr natürlicher Lebensraum sind Regionen, von denen wir nicht genau wissen, wo sie eigentlich liegen. Beispielsweise Ostwesfalen-Lippe. Bei der Hannover-Messe im vergangenen Jahr saßen abends Cathrina Claas-Mühlhäuser und Hans Beckhoff am Tisch mit Barack Obama. Beide sind Unternehmer aus OWL. Claas vernetzt beispielsweise Erntemaschinen mit Wetterdaten, Beckhoff ist einer der Wegbereiter der Industrie 4.0 durch automatisierte Produktionsprozesse.

Wissen: Kooperation in Laboren

Für Startups der nächsten Technologie-Generation ist neben der Nähe zur Industrie auch weltweit führendes Wissen entscheidend: Spezialstudiengänge, Exzellenzcluster und Forschungszentren wie das Fraunhofer Institut für Industrial IT oder das CITEC für Sensorik und Robotik habe ich in der Nachbarschaft. Dort sitzt das Deep Tech-Know-how. In unseren Programmen, der Founders Academy und dem Camp, erleben wir gerade, wie Gründer die Experten aus Robotik, Maschinenbau und Künstlicher Intelligenz für ihre Konzepte anzapfen. Mindestens ebenso wichtig: BWLer, Entwickler und Data Analysts finden hier in der Fläche Partner, mit denen sie zu den wichtigsten Unternehmerteams der deutschen Wirtschaft werden könnten. Warum Exzellenz-Cluster und Großunternehmen ihre Labors für sie öffnen sollten? Weil sie „Lean Startup“ nicht können – und viel zu verlieren haben.

Geld vom Family Office: Leise, bodenständig, verbindlich

„Die Ablehnung eines Risikos ist für ein Unternehmen das größte Risiko.“ Der Satz stammt nicht aus dem Silicon Valley; es ist ein Zitat von Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn und damit gut 70 Jahre alt. Mit dieser Einstellung hat der deutsche Mittelstand das Fremdeln mit digitalen Kennzahlen überwunden: Die großen deutschen Familienunternehmen und ihre Vermögensverwaltungen bewegen sich. Am Ruder ist oft ohnehin schon der Nachwuchs. Ein Beispiel, dem andere folgen werden, ist der VC-Fonds La Famiglia. Dahinter stecken große europäische Industriefamilien, unter Anderem Miele, Viessmann, Siemens und Conrad aus Deutschland, die sich mit führenden Berliner VC-Experten zusammengeschlossen haben. Als der Fonds mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag im Dezember bekannt wurde war er bereits an sieben Startups beteiligt. Leise, bodenständig und verbindlich, so läuft das. Darin sehe ich eine nicht minder wichtige Chance für die nächste Gründerwelle: Der „Bullshit“-Spirale zu entkommen, die Christian Miele derzeit an Stellen in der deutschen Gründerszene ausmacht.

Angehende Gründer, aber auch solche, die neue Aufgaben oder Partner suchen, sollten deshalb nicht nur zwischen Berlin-Mitte oder Kreuzberg abwägen. Die Frage ist: Wo sitzen die Nerds von morgen? Im Februar zum Beispiel bei unseren Hackdays mit dem Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie  der Uni  Bielefeld. Neben Forschung und Praxis bieten Industrie-Cluster-Regionen außerdem einen unschlagbaren Vorteil – der auch das Valley groß gemacht hat: das Wagniskapital wird vor Ort erwirtschaftet.

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1 Kommentar auf "Innovation in der Peripherie"

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