Alice, F-Lane hat eine spezielle Zielgruppe für sein Accelerator-Programm. Wie genau sucht Ihr die Startups aus, die ihr unterstützt?

Unser Ziel ist es, Frauen gezielt durch Technologie zu fördern. Wir richten uns also ganz speziell an Gründerinnen, die mit ihren Unternehmen Frauen und Mädchen in ihrer Position stärken und sich am Female Empowerment beteiligen. Wir sprechen dabei nicht von Social Startups sondern von Impact Ventures. Es ist uns sehr wichtig, dass die Startups ein funktionierendes Business-Modell haben und sich auch daran ausrichten.

Gibt es in diesem sehr eng gefassten Bereich überhaupt genug Startups?

Als wir das Programm gestartet haben, kam immer wieder das Feedback: Ihr findet niemals genug Unternehmen. Das war unsere größte Angst. Es haben sich mehr als 150 Gründerinnen aus 52 Ländern beworben. Proof of Concept, würde ich sagen.

Wie genau funktioniert das Programm?

Das Accelerator-Programm dauert sechs Wochen. Wir fliegen alle Teams nach Berlin und bringen sie in einem Haus in Schöneberg unter. Hier gibt es eine große Gemeinschaftsküche, die wir auch für Meetings nutzen. Wir arbeiten mit zwei Kooperationspartnern – dem Impact Hub Berlin und der Social Entrepreneurship Akademie – zusammen, die die Teams während der sechs Wochen coachen. Es gibt verschiedene Trainings, Vorträge und jede Gründerin bekommt einen persönlichen Mentor. Benedikt Franke von Helpling war beispielsweise der Mentor von Katharina Schiederig and Ashish Pratap von Digisitter. Das hat sehr gut gepasst, weil Digisitter ebenfalls eine Plattform aufbaut. Außerdem haben wir Tech-Experten, die den Gründerinnen technisches Feedback geben und bei den früh-phasigen Startups helfen, den Prototyp zu bauen.

Nehmt Ihr im Gegenzug Anteile an den Unternehmen?

In der ersten Runde haben wir das nicht getan, aber wir sprechen darüber, ob wir das ändern.

Die Teilnehmerinnen der ersten Runde des F-Lane Accelerator Programms
Freudig: Die Teilnehmerinnen der ersten Runde des F-Lane Accelerator Programms

Die erste Runde ist gerade beendet. Wann geht es weiter?

Wir haben Anfang Februar mit der ersten Runde begonnen und sie Mitte März mit einer Konferenz und den Pitches unserer Startups beendet. Für die nächste Runde lassen wir uns ein bisschen Zeit. Wir haben jede Woche Feedback von den Teams eingeholt, um uns noch besser an die Bedürfnisse anzupassen. Jetzt werden wir das Programm entsprechend weiterentwickeln und dann im Herbst in die zweite Runde starten. Die Ausschreibung läuft ab April.

Warum habt ihr Euch entschieden, einen so speziellen Accelerator zu gründen?

Hinter F-Lane steht Vodafone. Das Unternehmen will sich der Förderung von Frauen stärker annehmen. Ich selbst bin Leiterin des Vodafone Institutes, und es ist mir ein persönliches Anliegen, die Position von Frauen zu stärken. Im vergangenen Jahr habe ich an einer Studie zum Thema Gründerinnen gearbeitet. In Berlin werden nur neun Prozent der Tech-Startups von Frauen gegründet. Das fand ich ganz schrecklich. Man glaubt ja immer, dass Berlin eine sehr chancengleiche und offene Stadt ist. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, dass Frauen sich an der Digitalisierung beteiligen?

Warum ist es wichtig, dass Frauen sich an der Digitalisierung beteiligen?

Die Digitalisierung verändert jeden Bereich unseres Lebens. Und die meisten Produkte werden bisher von Männern entwickelt. Wenn wir uns jetzt da rausnehmen, verlieren wir Frauen auch unseren Stand in der Zukunft. Auch die Jobs verändern sich und wenn wir uns nicht einmischen, werden alle gut bezahlten Jobs nur noch Männern zur Verfügung stehen, weil Frauen die Skills fehlen. Wir stehen jetzt an einer Gabelung und müssen dafür sorgen, dass Männer die Zukunft nicht allein gestalten.

Stehen Gründerinnen vor anderen Herausforderungen als Gründer?

Die Finanzierung ist für Frauen eine größere Herausforderung als für Männer. Im Gespräch mit den Frauen aus dem F-Lane Programm habe ich auch festgestellt, dass Frauen immer das Gefühl haben, sie müssten alles wissen, verstehen und können. Wenn sie denken „das kann ich sowieso nicht“, versuchen sie es gar nicht erst. Männer sind da besser in der Abgrenzung, schnappen sich ein Team aus Leuten, die sie ergänzen und legen los.

Was macht eine gute Gründerin aus?

Sie muss selbstbewusst sein, zu 150 Prozent von ihrer Idee überzeugt und braucht eine hohe Frustrationstoleranz, um sich auch gegen Zweifler und Kritiker durchzusetzen.

Auch auf der Seite der Geldgeber sitzen hauptsächlich Männer. Ist das ein Problem?

Definitiv! Ich kenne in Europa kaum Frauen in VC-Boards und das führt natürlich zu anderen Entscheidungen bei Finanzierungsrunden. Frauen verstehen besser, wie Frauen kommunizieren und worauf sie wert legen. Deswegen könnten mehr weibliche Investoren auch zu mehr Investments in Gründerinnen führen. Im Moment ist es ein Teufelskreis.

„Investoren wollen gern Fakten und Zahlen hören, nicht dass eine Frau sich mit ihrem Unternehmen selbst verwirklicht“

Warum ist es für Frauen schwieriger, Risikokapital einzusammeln?

Es könnte daran liegen, wie Frauen sich präsentieren. Ich habe darüber auch schon mit Investoren gesprochen. Das Feedback zeigt, dass Frauen wohl schüchterner auftreten und sich oft mehr auf Selbstverwirklichung konzentrieren. Investoren wollen gern Fakten und Zahlen hören, nicht dass eine Frau sich mit ihrem Unternehmen selbst verwirklicht.

Das Problem scheint aber nicht bei der Finanzierung zu beginnen. Der KfW-Gründungsmonitor zeigt, dass bei allen Unternehmensgründungen 49 Prozent der Gründer weiblich sind. Bei Startups sind es hingegen weniger als 15 Prozent.

Ich habe einmal eine Studie für das BMWi zu Unternehmerinnen durchgeführt und dabei festgestellt, dass die Zahl der Gründerinnen in Ländern wie Polen, wo der Arbeitsmarkt generell und insbesondere für Frauen sehr schwierig ist, sehr hoch ist. Außerdem gründen Frauen tendenziell später als Männer. Sie nehmen Gründung vorher nicht als Option für sich wahr und sind eher zwischen 30 und 35 Jahren alt, wenn sie starten. Männer beginnen oft direkt nach dem Studium im Alter zwischen 25 und 30 und wissen, dass sie auch problemlos noch einen Job bekommen, wenn sie scheitern. Da Frauen in ihrem typischen Gründungsalter oft schon Mütter sind, oder in einem Alter, in dem sie über die Familiengründung nachdenken, fällt die Risikobereitschaft und der Schritt in die Selbstständigkeit verständlicherweise schwerer.

Bedeutet das, dass die gute Situation am  Arbeitsmarkt ein Hemmnis für Gründerinnen darstellt?

Es lässt sich in der Tat eine Korrelation zwischen Arbeitsmarktzugang und Gründungswahrscheinlichkeit ableiten. Das haben wir damals in der Studie herausfinden können. Was daraus abgeleitet werden kann ist vor allem, dass gerade Frauen der Schritt in die Selbstständigkeit aus einem sicheren Angestelltenverhältnis heraus schwerer fällt. Natürlich sind ein offener Arbeitsmarkt für Frauen und die Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft gut und wichtig. Dieser Zusammenhang spricht vielmehr dafür, dass besondere Incentives geschaffen werden müssen, die eine Selbständigkeit und den Schritt in das Risiko auch für angestellte Frauen attraktiv macht – beispielsweise durch besondere Formen des Elterngeldes und Elternzeit.

Was können wir tun?

Es gibt ja schon Einiges. Jedes Jahr findet ein Girlsday statt, an dem Mädchen in typische Männerberufe reinschauen können. In diesem Jahr sind in der Werbung für den Gründerwettbewerb des Wirtschaftsministeriums ausschließlich Frauen zu sehen. Das finde ich toll, weil es die Erwartung aufbricht, dass Gründen etwas Männliches ist. Man muss aber auch sehen: Es war das erste Mal. Und wir haben 2017! Es muss noch mehr passieren. Die Politik hat die Aufgabe, Stereotypen aufzubrechen. Wir müssen zeigen, dass Gründung nicht nur männlich ist, sondern auch weiblich. Und dass Gründerinnen nicht nur soft und sozial sind, sondern genauso techie und profitorientiert sein können.

Wie lässt sich diese Botschaft vermitteln?

Wir können schon in der Grundschule anfangen, den Gründergeist von Mädchen zu fördern. Mädchen und Frauen müssen die Selbstständigkeit als eine Option wahrnehmen, die sie betrifft. In Großbritannien gibt es Projekte, in denen Grundschüler Unternehmen mit Finanzmodellen und allem drum und dran entwickeln und eine Zeit lang an ihren Unternehmen arbeiten. Und auch in den Universitäten sollte das über alle Studiengänge hinweg gefördert werden. Entrepreneurship-Kurse gehören nicht nur in die Fächer, die hauptsächlich von Männern belegt sind.

F-Lane Mitgründerin Alice Steinbrück

Alice Steinbrück

ist Leiterin des Bereichs Strategie und Programme des Vodafone Instituts – dem Europäischen Think- und Do-Tank Vodafones – und beschäftigt sich dabei mit den Potentialen und Wirkungen von Zukunftstechnologien und der Digitalisierung. Aus diesem Grund ist ihr die Förderung von Frauen im Tech-Bereich ein besonderes Anliegen. Zuvor arbeitete sie als Seniorberaterin im Bereich Wirtschaftspolitik bei Ramboll Management Consulting.

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