Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass nicht nur Berlin eine aktive Start-up-Szene hat, sondern auch zum Beispiel Nordrhein-Westfalen. Hier leben mehr Menschen als anderswo in der Bundesrepublik. Auch gibt es große Industrieunternehmen, etablierte Mittelständler, Medienunternehmen und ein breit gefächertes Netzwerk an Universitäten und Bildungseinrichtungen. Dennoch hat NRW in puncto Start-ups noch Luft nach oben. Während Berlin laut KfW-Gründungsmonitor mit einer Gründungsquote von 2,58 Prozent Spitzenreiter ist, liegt NRW mit 1,65 Prozent zwar auf Platz sieben, aber damit immer noch nur knapp über dem Bundesdurchschnitt (1,5 Prozent). Berlin ist also weiterhin das Maß aller Dinge, was sich auch in den Finanzierungsrunden widerspiegelt (EY Start-up-Barometer, August 2016).

Was läuft an Rhein und Ruhr anders als an der Spree? Was sind die charakteristischen Merkmale der Start-up-Ökosysteme im Westen der Republik? Wo gibt es Aufholbedarf?

Mehr als ein Hub, mehr als Trivago

Das Land verfügt über viele Zentren der digitalen Wirtschaft. Neben Köln und Düsseldorf als den zentralen Hubs sind hier vor allem Aachen, Bonn, Münster und das Ruhrgebiet zu nennen. Ein Verzeichnis mit 400 vielversprechenden NRW-Start-ups listet junge Unternehmen aus den Bereichen Cloud-Service, E-Commerce, Online-Marketing/Media, Software/App und Web-Plattformen auf (zusammengestellt vom Cluster IKT.NRW und dem Start-up-Professor Tobias Kollmann).

Neben dem Star der Szene, Trivago, finden sich Namen wie Kalaydo.de, Clickworker (Datenmanagement für E-Commerce), Auxmoney (P2P-Kreditplattform) oder Employour (Bewerbungsportal). Daneben gibt es eine Fülle von B2B-Geschäftsmodellen, die auf technologischen Innovationen basieren wie Parstream oder Cleverbridge (Online-Bestell- und -Bezahlservice).

Der ausgeprägte B2B- und Hightech-Fokus hat seinen Ursprung in den vielen Unis und den Spin-offs, die aus ihnen hervorgehen. Unter den Universitäten konnte sich besonders die RWTH Aachen als Talentschmiede profilieren. Aber auch sonst wird einiges für junge Gründer getan. So gibt es boomende Inkubatoren wie Headquarters Cologne oder Startplatz in Köln beziehungsweise Düsseldorf (startplatz.de), 1stMover in Düsseldorf oder UFA Lab, das digitale Studio der UFA in Köln (und Berlin).

NRW bietet Gründern, Innovatoren, Investoren und Corporates darüber hinaus wichtige Plattformen zum Pitchen, Networken oder Anbahnen von Business-Partnerschaften. Der ganz klare Schwerpunkt dieser Aktivitäten liegt in den etablierten Messestandorten Köln und Düsseldorf. Zu nennen sind hier die Gründermesse Startupcon in der Lanxess Arena in Köln, die Interactive Cologne, der European Pirate Summit sowie die Dmexco oder auch die Startup-Woche in Düsseldorf beziehungsweise der European Venture Market in Köln.

Jenseits von Köln und Düsseldorf

Die NRW-Szene ist mehr als Köln und Düsseldorf. Grönemeyers „Komm zur Ruhr“ gilt auch für junge Gründer. Die Bedingungen um Essen, Dortmund und Bochum sind gut. Durch den Abbau in den traditionellen Industrien sind die Büromieten moderat. Außerdem stehen viele Unis als Talentpools zu Verfügung. Das ehemalige Kohle- und Stahlrevier wartet mittlerweile mit Business Angels, Hochschul-Acceleratoren und Beratungsstellen auf. Hier sind das kürzlich gegründete Rhein-Ruhr Network, das Entrepreneurship-Zentrum der Uni Witten/Herdecke oder die Business Angels Agentur Ruhr mit regelmäßigen Baar-Foren zu nennen.

Darüber hinaus investiert das Land 12,5 Millionen Euro in regionale digitale DWNRW-Hubs. Es gibt aber auch private Initiativen wie Schacht One in Essen, das die Digitalisierung etablierter Unternehmen vorantreibt. Hinter der Digitaleinheit stecken das Family-Equity-Unternehmen Haniel und die Digitalberatung Etventure. Außerdem gründen sich zunehmend auch städteübergreifende Initiativen wie Fuckup Nights oder Startup Nights.

Trotz der relativ guten Bedingungen weist etwa Dortmund nur eine Gründungsquote von 0,8 auf. Insbesondere Entwickler lassen sich immer noch lieber in den großen Konzernen anstellen – was in Berlin schwieriger ist als im Pott. Dennoch gibt es auch hier Erfolgsgeschichten zu erzählen wie Clickworker aus Essen, Employour aus Bochum oder Urlaubsguru aus Dortmund. Grundsätzlich gibt es einen Mangel an Risikokapital. Hier muss, wie in vielen anderen Regionen Deutschlands, noch viel getan werden, um Investoren anzuziehen. Jetzt sind Macher aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gefragt, die an Rhein und Ruhr traditionell zu Hause sind.

TITUS ZWIRNER

ist Hauptansprechpartner bei der EY Start-up-Initiative in Nordrhein-Westfalen. Er unterstützt Unternehmensgründer mit einem fairen, pragmatischen und ganzheitlichen Beratungsansatz rund um Recht, Steuern, Strategie oder Bewertung.

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