Die Digitalisierung treibt die etablierten Unternehmen vor sich her. Geschäftsmodelle implodieren, Branchenoutsider erobern etablierte Märkt. Das Entrepreneurial Mindset in Unternehmen wird entdeckt. In den letzten Jahren wachte Deutschland auf, wurde zu einem der am schnellsten wachsensten Startup-Ökosysteme der Welt. Nanotechnologie, Social Media, IoT und Big Data – die dadurch entstehenden Möglichkeiten, wie beispielsweise Agrarmaschinen aus der Ferne zu steuern oder Präsidentschaftswahlen mit Chatbots zu beeinflussen, sind faszinierend. Wie aber sieht die Situation in der Bildung aus?

Wie erwerben die Menschen in Deutschland die Kompetenzen, die sie zu „entrepreneurial minded people“ machen? Das Humankapital wird zu einem ausschlaggebenden Faktor für ein nachhaltig wachsendes Entrepreneurship Ökosystem. In Zeiten der Globalisierung lassen sich Gründer und Gründerinnen da nieder, wo sie die optimalen Bedingungen für ihr Startup finden. Hochschulen und Schulen mit einem qualitativ hochwertigen Bildungsangebot gehörten schon immer dazu.

Schlüsselelement für die berufliche und private Selbstverwirklichung

Entrepreneurship Education, das meint im weiteren Sinn alle Bildungsmaßnahmen zur Weckung unternehmerischer Einstellungen und Fertigkeiten, konkret die Handlungsfähigkeit, innovative Produkte und Services in kürzerer Zeit zu entwickeln. Sowohl für die Gründung eines eigenen Unternehmens als auch um beruflich nachhaltig erfolgreich zu sein, müssen und wollen die so genannten Millenials flexibler, unabhängiger und unternehmerischer sein als vorangegangene Generationen. In anderen Worten: das Entrepreneurial Mindset ist ein Schlüsselelement für die berufliche und private Selbstverwirklichung – die Grenzen verschwimmen. Darauf müssen Schule und Studium vorbereiten.

Wesentliche Bestandteile des Entrepreneurial Mindsets sind Querdenken und Handlungsorientierung, ergänzt von einer ordentlichen Portion Mut. Peter Jaeger, Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland brachte es bei seiner Keynote auf dem Deutschen Entrepreneurship Education Campus 2016 (DEEC) an der HWR Berlin auf den Punkt: „Um einen Roboter zum Laufen zu bekommen oder um den eigenen Avataren im Spiel die richtigen Handlungen für eine Aufgabe beizubringen, benötigen die jungen Menschen Abstraktionsfähigkeit, Kreativität und Problemlösekompetenz.” Eigenschaften, die mit dem alten Ideal der Anpassungsfähigkeit und den hierarchischen Strukturen, die im heutigen Schulsystem noch weitgehend gefördert werden, nur schwer in Einklang zu bringen sind. Eigenschaften, die aber von all denjenigen, die sich mit Zukunft beschäftigen, dringend eingefordert werden.

Es muss in unserer Gesellschaft genauso attraktiv und normal sein, mit den Ideen aus dem Hochschulumfeld ein eigenes Startup zu gründen

Bei der Entrepreneurship Education geht es also um die Entwicklung der richtigen Einstellung zu Innovation und Ökonomie. Aus der Verhaltensforschung ist bekannt, dass, wer ein Ziel als attraktiv empfindet und über die Kenntnisse zur Realisierung verfügt, es mit großer Wahrscheinlichkeit verfolgen wird. Natürlich ist die Beschäftigung als Ingenieur in den staatlichen und halbstaatlichen Forschungsinstituten ein attraktives Ziel, ebenso wie eine Karriere als Professor, Richter oder Arzt. Aber es muss in unserer Gesellschaft genauso attraktiv und normal sein, mit den Ideen aus dem Hochschulumfeld ein eigenes Startup zu gründen. Als Bildungsinstitutionen müssen wir darauf achten, dass nicht zu viele Menschen bei dieser dynamischen Entwicklung abgehängt werden. Wir müssen so vielen wie möglich die Chance geben, an der digitalen und internationalen Welt des 21. Jahrhunderts teilzuhaben.

„Entrepreneurship ist nicht Kapitalismus” entgegnete Christine Volkmann vom Lehrstuhl für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung sowie UNESCO-Lehrstuhl für Entrepreneurship und Interkulturelles Management der Universität Wuppertal dem immer noch vorherrschenden Vorwurf anderer Disziplinen an die Wirtschaftswissenschaften auf dem DEEC 2016 an der HWR Berlin. Dies charakterisiert auch das Dilemma, dass Entrepreneurship an deutschen Hochschulen nicht systematisch gesehen wird, sondern als eine Unterdisziplin der Wirtschaftswissenschaften wie etwa Controlling oder Rechnungswesen. Unternehmerisches Denken und Handeln gehört aber in die Curricula aller Fakultäten. Insbesondere die MINT-Disziplinen, wie Ingenieurwissenschaften, IT oder Life Sciences sind gefragt, wenn gänzlich neue Geschäftsmodelle entwickelt werden sollen.

Interdisziplinär denken

Wir müssen interdisziplinär denken, wenn wir die Probleme der Zukunft lösen wollen. Oft hören wir, die Wirtschaft sei zu wichtig, sie allein den Ökonomen zu überlassen. Aus Sicht der Wirtschaftswissenschaften ist zu ergänzen, dass auch die Digitalisierung, die Biotechnologie und die Verwaltung zu wichtig sind, sie allein den jeweiligen Fachexperten zu überlassen. Es ist wie Ying und Yang, wie bei einem Puzzle aus vielen Teilen: In der digitalen Gesellschaft, in der auch die Themen Ressourcenverbrauch bei steigenden Bevölkerungszahlen, Erderwärmung, Digitalisierung und Migration zu bedenken sind, werden wir nur mit Hilfe der Interdisziplinarität zu innovativen Lösungen kommen. In der Entrepreneurshipforschung wird betont, dass sich erfolgreiche Gründerteams durch Heterogenität (komplementäre Kompetenzen) auszeichnen.

Etablierte Unternehmen brauchen kreative, interdisziplinäre Intrapreneure, genauso wie Deutschland als Ganzes mehr Startups mit disruptiven Geschäftsmodellen braucht

Es braucht mehr Interdisziplinarität in der Entrepreneurship Education, die bereits an Schulen beginnen muss. Daher schlossen sich das Berliner Entrepreneurship Netzwerk von Hochschulen und Unternehmen (BENHU) und das Netzwerk for Teaching Entrepreneurship (NFTE) zum Deutschen Entrepreneurship Education Campus zusammen. Auf Hochschulebene hat BENHU ermutigende Erfahrungen mit interdisziplinären Veranstaltungen von Entrepreneurship-Studierenden der HWR Berlin mit IT-Studierenden der Beuth Hochschule Berlin gemacht. Im Rahmen eines gezielten Teambuilding-Prozesses entstand etwa das Startup Calimoto. Ebenso überzeugend waren die Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit von Medizinern des SPARK Programms der Charité Berlin mit MBA Studierenden des Berlin MBA in Entrepreneurship der HWR Berlin.

Genauso wie sich der Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ bei der Bundesregierung für das Thema Digitalisierung einsetzt, braucht es auch allen Ebenen der Politik und des deutschen Bildungssystems eine Initiative zur Entwicklung einer ökonomischen Kompetenz im Sinne des „entrepreneurial mindset“. Etablierte Unternehmen brauchen kreative, interdisziplinäre Intrapreneure, genauso wie Deutschland als Ganzes mehr Startups mit disruptiven Geschäftsmodellen braucht.

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare auf "Auf dem Weg zu einer interdisziplinären Entrepreneurship Education"

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
trackback

[…] Oder: Warum Deutschland mehr interdisziplinäre Entrepreneurship Education braucht. Ein Gastbeitrag von Sven Ripsas, Julia Gunnoltz und Björn Hentschel von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin Der Beitrag Auf dem Wege zu einer interdisziplinären Entrepreneurship Education erschien zuerst auf BerlinValley. Jetzt lesen […]

trackback

[…] unseren KooperationspartnerInnen von BENHU zur Entrepreneurship Education publiziert hat, lesen Sie hier. Ein sehr lesenswerter […]

wpDiscuz