Andreas, was macht Cobi?

Andreas Gahlert: Cobi ist ein Hard- und Software-System, das jedes Fahrrad zu einem Smart Bike macht. Wir bieten es als Zubehör an, mit dem man sein Fahrrad nachrüsten kann. Es gibt aber auch Hersteller, die ihre Räder bereits ab Werk mit Cobi ausstatten.

Cobi ist ein Cockpit fürs Fahrrad?

Andreas Gahlert: Genau, die Hardware bietet fünf Geräte in einem: Licht, eine Halterung und eine Ladestation fürs Smartphone, ein Lautsprecher für Klingel und Alarmanlage sowie eine Fernsteuerung für die Software. Das Ganze geht wie beim Auto sicher und komfortabel vom Lenkrad aus. Die Software läuft über das Smartphone und ich kann die App mit dem Daumenschalter fernsteuern. Sie enthält Funktionen wie Navigation für Fahrradfahrer, lokale Wettervorhersage, Fitness-Tracking oder Musik-Steuerung. Bei E-Bikes geht es sogar so weit, dass ich den Motor damit steuern kann.

Das klingt wie ein Produkt für Fahrradverrückte.

Andreas Gahlert: Nein, es richtet sich tatsächlich an ganz normale Fahrradfahrer, die ihr Smartphone lieben und denen digitale Konnektivität wichtig ist. Und die gibt es reichlich.

Wie sieht das Geschäftsmodell aus?

Andreas Gahlert: Wir haben eine Technologie-Plattform aufgebaut. Sie besteht aus der App-Technologie, einer Cloud-Technologie und den Daten, die wir auswerten und für unsere Geschäftskunden aufbereiten. Wir verkaufen die Hardware an die Endkunden. Die Software ist erst mal kostenlos. Mittelfristig wird es da aber auch In-App-Käufe geben. Und wir verkaufen sowohl die Hardware als auch die Software als Service an die Fahrradhersteller.

Welche Hersteller bauen Cobi ein?

Andreas Gahlert: Winora Haibike, die größte E-Bike-Marke in Europa, Schindelhauer aus Berlin, Gazelle aus den Niederlanden und viele weitere.

Wer ist Eure Konkurrenz?

Andreas Gahlert: Wettbewerber gibt es noch relativ wenig. Das Thema Smart Biking oder Connected Biking ist noch jung, aber es war jetzt auf der Euro Bike, der weltgrößten Fahrradmesse, überall präsent. Garmin bietet einen Fahrradcomputer an, Bosch hat etwas Ähnliches und es gibt auch eine Menge Crowdfunding-Projekte bei Kickstarter und Indiegogo. Aber wir sind da ganz vorne dran.

Wie seid Ihr finanziert?

Andreas Gahlert: Wir haben mit einer Finanzierung von 500.000 Euro von neun Business Angels im Mai 2014 losgelegt.

Waren das Business Angels aus Frankfurt?

Andreas Gahlert: Aus dem Rhein-Main-Gebiet. Dann waren wir im Dezember 2014 auf Kickstarter und haben dort noch einmal 400.000 Dollar eingesammelt. Im April 2015 haben wir eine Seed-Runde mit zwei Venture-Capital-Gesellschaften abgeschlossen: Creathor und Capnamic.

War die Crowdfinanzierung kein Problem für die VCs?

Andreas Gahlert: Kickstarter war eher hilfreich. Als Hardware-Startup hat man immer das Problem, dass Entwicklung und Produktion langwierig und teuer sind und man erst mal zeigen muss, dass es überhaupt einen Markt für das Produkt gibt. Dafür ist Kickstarter perfekt. Mit 400.000 Dollar waren wir damals der zweiterfolgreichste Bike-Technology-Case weltweit. So konnten wir auch die Investoren überzeugen. Munich Venture Partners ist noch hinzugekommen. Insgesamt haben wir inzwischen mehr als zwölf Millionen Euro eingeworben.

Wie geht es weiter?

Andreas Gahlert: Wir haben Mitte August 2016 mit der Auslieferung begonnen. Der Weg vom Prototypen bis zum Massenprodukt war länger als gedacht und der Weg war sehr steinig. Wir haben fast ein Jahr Verzögerung gegenüber unserer Ankündigung bei Kickstarter.

Andreas Gahlert: „Cobi richtet sich an ganz normale Fahrradfahrer, die ihr Smartphone lieben.“ (Foto: Cobi)
Andreas Gahlert: „Cobi richtet sich an ganz normale Fahrradfahrer, die ihr Smartphone lieben.“ (Foto: Cobi)

Woran lag das?

Andreas Gahlert: An der Komplexität des Produktes. Es muss wasserdicht sein und Stöße aushalten. Wir mussten auf die Smartphone- und die Fahrradhersteller eingehen. Und für die Hardware braucht man viele Experten: Qualitätsmanager, Lichtingenieure, Mechaniker, Elektroniker und Leute, die die Produktion vorbereiten. Das ist extrem komplex. Das schreckt viele Investoren ab. Es gibt einige, die deshalb gar nicht in Hardware investieren.

Wo produziert Ihr?

Andreas Gahlert: Wir haben zuerst einen Anlauf in Europa gemacht, der ist gescheitert. Das war auch ein Grund für die Verzögerung. Wir sind dann über den Hausgerätehersteller Braun, der in der Nähe sitzt, nach China gelangt. Braun hat hier ein relativ großes Netzwerk, und von dort haben uns Leute geholfen, in China den richtigen Produzenten zu finden und die produktionsbegleitende Qualitätssicherung aufzubauen. Es ist eine riesige Herausforderung, die Qualität auch bei einer großen Stückzahl konstant zu halten.

Was produziert Ihr selbst?

Andreas Gahlert: Wir machen nur das, worin wir wirklich Erfahrung haben: die komplette Software, den Vertrieb und das Marketing. Die Hardware haben wir an deutsche Ingenieurbüros gegeben und an die Produzenten in China.

Wann werdet Ihr Geld verdienen?

Andreas Gahlert: Wir haben Mitte August den Verkauf gestartet und in den ersten sechs Wochen 5500 Stück verkauft. Das sind 1,2 Millionen Euro Umsatz. Der Start war gut, aber bis zum Break-even wird es noch eine Weile dauern. Wir sind gerade in der nächsten Finanzierungsrunde.

Welche Rolle spielt Frankfurt für Euch?

Andreas Gahlert: Frankfurt ist ein guter Standort zum Starten oder zum Gründen. Ich habe schon ein paar Firmen gegründet, fast alle in Frankfurt. Ich schätze an der Region, dass wir hier eine Top-Ausbildung haben und digital auf einem wirklich hohen Niveau sind. Talente aus dem Digital- und Kreativ-Bereich kriegt man hier wirklich toll. Der Vorteil gegenüber Berlin ist, dass die Konkurrenz nicht so groß ist. Wir haben wenig Fluktuation. Und hier werben sich nicht 20 oder 30 große Startups gegenseitig die Leute ab.

„Mit 400.000 Dollar waren wir der zweiterfolgreichste Bike-Technology-Case weltweit. So konnten wir auch die Investoren überzeugen“

Ihr bekommt also die Leute, die Ihr braucht?

Andreas Gahlert: Die meisten finden wir im Rhein-Main-Gebiet, außer die Software-Entwickler, die kommen aus 17 verschiedenen Nationen – von der Ukraine bis Panama.

Gibt es hier die richtige Infrastruktur?

Andreas Gahlert: Es fehlen Gründerzentren, wo man günstig und flexibel Büroraum mieten kann. Es gibt sie zwar, aber sie sind immer schon voll. Als Startup kann man aber nicht die üblichen langjährigen Mietverträge abschließen, dafür wächst man viel zu schnell. Dann fehlt die Förderung, wie es sie zum Beispiel in Berlin gibt. Der Stadt Frankfurt geht es vermutlich zu gut. Es wird einem hier nicht leichtgemacht, besonders am Anfang nicht. Wir haben keine Förderung oder Unterstützung bekommen. Und es fehlt das Netzwerk. Als wir vor zwei Jahren angefangen haben, gab es vereinzelt hier und da ein Startup und auch mal eine Veranstaltung. Das Ökosystem ist längst nicht so gut entwickelt wie in Berlin, aber es hat sich viel getan die letzten Monate.

In Frankfurt sitzen wichtige Firmen und auch Niederlassungen internationaler Konzerne, hilft Euch das nicht auch?

Andreas Gahlert: Die Software-Industrie ist in Rhein-Main stark vertreten. Auch Samsung und Procter & Gamble sind in der Nähe. Wir haben 2015 die „Frankfurter Sprungfeder“ gewonnen, ein Preis, der vom Marketing Club Frankfurt verliehen wird. Das war sehr cool. Damit haben wir ein Mediapaket vom Frankfurter Flughafen gewonnen und ein Mentoring-Paket von Procter & Gamble für ein Jahr. Wir hatten Kontakt zu wichtigen Managern und konnten mit ihnen Probleme besprechen. Das war extrem hilfreich.

Wie geht es jetzt bei Cobi weiter?

Andreas Gahlert: Die nächste Stufe ist die Erweiterung unseres Portfolios. In den kommenden zwei Jahren sollen weitere Produkte hinzukommen. Auf der anderen Seite wollen wir die Technologie-Plattform weiter ausbauen für fahrradbasierte Services: Fahrradkuriere, Tourismus, Flotten-Management. Wir waren im November bei Facebook in Kalifornien. Dort stellen sie den Mitarbeitern 1400 Fahrräder zur Verfügung. Es herrscht großes Chaos, weil keiner weiß, wo die sind. Selbst Facebook organisiert das manuell. Cobi könnte die Technologie sein, um die Fahrräder zu verwalten. Das ist die nächste Evolutionsstufe: Cobi wird nicht nur ein Gadget am Lenkrad sein, sondern eine Technologieplattform.

Kommt Ihr mit Facebook ins Geschäft?

Andreas Gahlert: Das wäre natürlich cool, die haben auf jeden Fall Interesse. Aber das ist noch in Verhandlung.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

ANDREAS GAHLERT

Andreas Gahlert hat bereits neun Unternehmen gegründet, das erste mit 16 Jahren. Vor Cobi gründete und leitete der Wirtschaftsingenieur die Agentur Neue Digitale.

COBI

NAME: Cobi
GRÜNDUNG: Mai 2014
GRÜNDER: Andreas Gahlert
MITARBEITER: 65
STANDORT: Frankfurt
SERVICE: Cobi entwickelt und vertreibt eine Hardware-Lösung, die jedes Fahrrad zu einem Connected Bike macht.
URL: cobi.bike

Dieser Artikel erschien zuerst in BERLIN VALLEY SPEZIAL – STARTUP-SZENE FRANKFURT. Die Sonderbeilage analysiert auf 44 Seiten den Standort und das Rhein-Main-Gebiet, lässt die wichtigen Player aus Old und New Economy zu Wort kommen und versucht eine Antwort auf die Frage zu finden: Warum liegt Frankfurt im innerdeutschen Startup-Standort-Ranking nur im Mittelfeld, obwohl die Stadt über ein so klares Wirtschaftsprofil verfügt? Eine spannende Spurensuche. BERLIN VALLEY SPEZIAL – STARTUP-SZENE FRANKFURT jetzt kostenlos laden und lesen

Alle Ausgaben zum kostenlosen Download.

Gratis – Download

Gratis – Download

Gratis – Download

Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar auf "Cobi-Gründer Andreas Gahlert: „Das Thema Smart Biking ist noch jung“"

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
trackback

[…] Seriengründer Andreas Gahlert über sein Startup Cobi, das Frankfurter Netzwerk und seinen Plan, Facebook als Kunden zu gewinnen Der Beitrag Cobi-Gründer Andreas Gahlert: „Das Thema Smart Biking ist noch jung“ erschien zuerst auf BerlinValley. Jetzt lesen […]

wpDiscuz